Das natürliche Ekelgefühl

Ekel ist ein zutiefst menschliches Gefühl, welches uns vor möglicher­weise gefährlichen Substanzen schützen soll. Vor allem im Rahmen einer Pflegebeziehung kann dieses Gefühl häufig auftreten, etwa im Umgang mit Urin, Kot, Schleim oder Erbrochenem. Wir geben Pflegefachpersonen Tipps, wie sie den Umgang mit Ekelgefühlen lernen können.

Umgang mit Ekel in der Pflege

Ekel ist ein zutiefst menschliches Gefühl, welches uns vor möglicher­weise gefährlichen Substanzen schützen soll. Vor allem im Rahmen einer Pflegebeziehung kann dieses Gefühl häufig auftreten, etwa im Umgang mit Urin, Kot, Schleim oder Erbrochenem.

Janina erzählt von Ekel:

„Ich starte mit guter Laune und positiver Motivation in den Arbeitstag und freue mich auf die Begegnungen mit Menschen. Endlich habe ich die Möglichkeit, meine praktischen Kompetenzen zu festigen.

Ich betrete das erste Zimmer, um die Körperpflege durchzuführen. Der Bewohner hat Kot im Gesicht. Er streckt mir seine Hand entgegen und lächelt mich an: „Guten Morgen, Schwester!“ Was sehe ich unter seinen Fingernägeln? … Kot!

„Lauf weg!“– Mein erster Impuls ist ein eindeutiges Signal. „Du darfst nicht weg“, sagt mir hingegen mein Verstand, „auch das ist deine Aufgabe!“

Ja, es gehört zu meinen Aufgaben, Wunden und Dekubitus zu versorgen, Erbrochenes wegzuwischen, bereits „bemooste“ Zahnprothesen zu reinigen oder Menschen zu pflegen, die das Waschen verweigern. Der professionelle Umgang mit meinen eigenen Ekelgefühlen gehört also auch zu meinen Aufgaben. Aber wie soll ich mich verhalten?“

Generell ist für Sie wie auch für Janina aus unserem Beispiel wichtig, zu wissen, dass Ekelgefühle universell sind. Das bedeutet, sie gelten für alle Menschen. Ekel entstand im Laufe der Evolution und hat eine wichtige Funktion: den Selbstschutz vor ungesunden Substanzen. Beim Ekel werden physiologische Reaktionen ausgelöst: Der Körper wehrt sich und stößt Substanzen wie Urin, Stuhl, Schweiß, ­Erbrochenes, Speichel und Blut ab. Erlebt ein Mensch Ekel, so empfiehlt ihm sein Körper, der ekel­erregenden Situation zu entfliehen.

Flucht ist unmöglich

Für Sie als Pflegefachperson ist ein Flüchten aus ekligen Situationen jedoch nicht möglich: Sie müssen trotz Ihres Ekels handlungsfähig bleiben. Da Ekel sich nicht abstellen lässt, müssen Sie lernen, eigene Ekel­gefühle bewusst wahrzunehmen und zu steuern.

Den Berufsanfängern unter Ihnen sei versichert, dass alle Pflegefachpersonen mit Ekelgefühlen umgehen müssen. Doch manchmal sprechen die Praxisanleiterinnen dieses Thema nicht an oder stoßen junge Kolleg/innen wie Sie „ins kalte Wasser“. Sie lassen Sie mit dem Problem allein. Das kann wiederum zur Unsicherheit bei Ihnen führen: „Kann ich über meinen Ekel sprechen?“ „Ist mein Ekel ein Zeichen der Schwäche, der Unprofessionalität, die sich gegen mich wenden könnte?“

Es gibt kein Patentrezept

Für den Umgang mit den Ekelgefühlen gibt es kein Patentrezept, sagt Kirstin Klause, Lehrkraft an der AWO APS in ­Potsdam. Mehrere Faktoren spielen dabei eine Rolle:

  1. Ihre eigenen Empfindlichkeitsgrenzen als Pflegefachperson
  2. Ihre eigenen Erfahrungen und Bewertungen
    („Ich habe schon Schlimmeres gesehen.“)
  3. Ihr persönlicher Gewöhnungsfaktor
    („So was mache ich täglich.“)
  4. Ihre Beziehung zu dem Pflegebedürftigen
    („Wenn ich jemanden nett finde, fällt der Umgang mit eigenen Ekelgefühlen tatsächlich leichter, als wenn ich jemanden versorgen muss, der mir als Mensch unsympathisch ist.“)

An den Anblick einer Wunde oder von Erbrochenem etwa können Sie sich im Laufe der Zeit gewöhnen; Gerüche sind im Gegensatz dazu immer präsent und lassen keine Distanz zu. Man hat das Gefühl, den Geruch auf der eigenen Zunge zu spüren, er dringt in den eigenen Körper ein. Das macht Gerüche besonders ekelerregend.

Bauen Sie Barrieren auf

Um eine Distanz zu den ekelerregenden Substanzen herzustellen, müssen Sie „Barrieren“ errichten. Eine Barriere hilft Ihnen, achtsam mit sich selbst und mit den zu pflegenden Menschen umzugehen: Überlegen Sie, vor welchen Substanzen Sie sich in welchen Situationen schützen müssen. Die dazu passenden Fragen lauten: Bei welchen Reizen bin ich besonders empfindlich? Wie und mit welchen Mitteln kann ich mich von ihnen abgrenzen? Sie versuchen also, die Barrieren beim „Eintreffen“ der Reize zu errichten.

Dafür gibt es mehrere Strategien:

a) Atmungstechniken:
Durch flaches Atmen und das Luftanhalten dringt weniger Geruch in Ihre Nase.

b) Chemische Mittel:
Desinfektionsmittel, Raumsprays oder ätherische Öle können unangenehme Gerüche „überlagern“. Andererseits können so Geruchsmischungen entstehen, die nicht weniger ekelerregend wirken. Deswegen gilt auch hier das Gebot, die eigene Empfindlichkeit auszutesten
und das für sich passende Mittel zu finden.

c) Mundschutz:
Eine Mundmaske stellt eine physische Barriere dar, der Stoff kann Sie vor dem Eindringen der unangenehmen Gerüche in die Nase schützen. Allerdings wird durch den Gebrauch einer Maske auch eine Barriere zum pflegebedürftigen Menschen sichtbar. Es kann von ihm als ein (nonverbales) negatives Signal gedeutet werden und zu einer Kränkung führen: Ihnen als Pflegefachpersonen scheint es unangenehm zu sein, mit ihm zu arbeiten. Damit das Verhältnis zum Betroffenen nicht leidet, sollten Sie nie den Mundschutz schweigend anlegen, sondern immer mit dem Pflegebedürftigen sprechen. Sagen Sie zum Beispiel: „Zu Ihrem und zu meinem Schutz werde ich einen Mundschutz benutzen.“

Sprechen Sie über Ihre Gefühle

Ich persönlich spreche über die ekel­auslösenden Situationen mit Kolleginnen und Kollegen in der Einrichtung sowie den Lehrern und Auszubildenden in der Schule. Dabei hilft es mir – unter Beachtung des Datenschutzes –, über anonymisierte „Fälle“ zu berichten. Beim Erzählen lerne ich, mich selbst besser zu verstehen und bekomme in der Diskussion mit anderen gute Tipps und neue Techniken mitgeteilt. Denn Ekelgefühle betreffen wirklich alle Menschen, aber wir als in der Pflege Tätige müssen mit ihnen professionell umgehen können.

Text: Dr. Oksana Baitinger

Bild: Julia Bernhard

Die Autorin:
Dr. Oksana Baitinger
ist Buchautorin und unterrichtet Psychologie für soziale Berufe in Berlin und Brandenburg.

 

Dieser Artikel ist zuerst im Kammermagazin Interaktiv – das Magazin der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz .