Weniger ist mehr: die Slow Life Bewegung

Wieso hat der Tag eigentlich nie genug Stunden? Muss sich wirklich andauernd die Prioritätenliste ändern, weil neue To do’s schneller reinfliegen als wir „Stop“ sagen können? 4 von 5 unserer Leser*innen haben das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben. Erst der Corona-Lockdown zwang viele zur Entschleunigung. Können wir aus der Krise vielleicht sogar etwas Gutes mitnehmen?

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Paradox: Wenn wir mehr Dinge in kürzerer Zeit schaffen, fühlt sich die Zeit nicht länger an, sondern kürzer – sie geht schneller rum. Bewusstes Erleben verlängert das Leben also. Wer hat da noch Lust, sich zu beeilen? Illustration: Caren Pauli
Schnell, schneller ... vorbei? Im modernen Alltag kommt man nur noch selten zum Nachsinnen. Photo by Illiya Vjestica on Unsplash.

Im Rausch

Im stressigen Alltag kann man sich zwischen Beruf, Hobbies, Smartphone, durchgeplanten Urlauben und allgemeiner Selbstverwirklichung wie in einer Achterbahn fühlen, die nicht mehr anzuhalten scheint. Wird sie nicht sogar immer schneller? Ein Jahr folgt auf das andere und wir kommen kaum noch hinterher. Doch plötzlich quietschen die Räder, Vollbremsung. Die rasende Fahrt ist zum Stehen gekommen. Es herrscht nervöse Stille, die Haare sind noch vom Fahrtwind zerzaust und keiner weiß, wann es weitergeht oder was von dieser Pause zu halten ist.

Im März 2020 hat unsere Gesellschaft eine kollektive Zwangspause eingelegt, aus bitteren Gründen zwar, aber dennoch für alle Menschen gleichermaßen. Die politischen Handlungen angesichts der globalen Corona-Pandemie brachten den Ausfall sämtlicher sozialer Treffen und üblicher externer Verpflichtungen mit sich. Jetzt, Anfang August, hat sich so mancher Magen gerade erst beruhigt und das Fahrgeschäft nimmt langsam wieder Fahrt auf, erleichtertes Aufatmen – oder auch nicht? Wollen wir überhaupt wieder so schnell werden?

In der Ad-hoc-Umfrage, die wir für diesen Artikel durchgeführt haben, gab niemand der ca. 50 Befragten an, sich während des Lockdowns unbeschäftigt gefühlt oder gelangweilt zu haben. Über die Hälfte empfand die Pause als angenehm, freuten sich aber auch auf die Rückkehr zum normalen Alltag. 37,8 % stimmten der Aussage „Ich habe die Mehrzeit durch die erzwungene Alltagspause sehr genossen und möchte das Gefühl der Entschleunigung beibehalten“ zu.

Kennen wir überhaupt noch Langeweile? Über die Hälfte der Befragten gaben an, sich so gut wie nie zu langweilen, weitere 35 % nur sehr selten. Da Langeweile üblicherweise eher einen negativen Anstrich bekommt, scheint uns das vielleicht eine gute Nachricht zu sein. Doch der Mangel an Langeweile steht in direktem Zusammenhang mit der rasenden Achterbahn, aus der wir doch offenbar so gerne aussteigen würden. 

Schnell, schneller ... doch lieber anhalten? Photo by Matthew Brodeur on Unsplash.

Pro und Contra

Wie kommt es eigentlich zu dieser permanenten Beschleunigung, aus der wir uns augenscheinlich so schlecht befreien können? Soziologe Hartmut Rosa von der Universität Jena gibt in einem Interview mit dem WDR interessante Antworten dazu.

Wir bilden uns das Gefühl nicht ein – Prof. Rosa zufolge steigt das Lebenstempo sogar schon seit dem 18. Jahrhundert. Das hat den einfachen Grund, dass in kapitalistischen Wirtschaftssystemen ein jährliches Wachstum von 2 bis zu sogar 3 % gewährleistet sein muss, um überhaupt den Status quo zu halten. Andernfalls kostet es viele Arbeitsplätze. Somit muss jedes Unternehmen, das am Markt bestehen möchte, im nächsten Jahr noch produktiver, günstiger, effizienter, aufmerksamer und kreativer sein. Das erzeugt natürlich Stress, was sich auch in steigenden Burnout-Statistiken zeigt. So manch einem geht die endlose Achterbahnfahrt also wortwörtlich auf den Geist.

Auf der anderen Seite treiben Entwicklung und stetige Neuerungen den Fortschritt der Menschheit an. Wir genießen den Rausch der Geschwindigkeit sogar – eben ganz wie auf der Achterbahn. Der Experte gibt außerdem zu bedenken, dass dauerhafte Beschäftigung Menschen die Angst vorm Alleinsein und das Gefühl von Leere nehmen kann. Problematisch ist dabei nur die Massendynamik; der Umstand, dass wenn die Achterbahn einmal Fahrt aufgenommen hat, niemand mehr aussteigen kann – und dass in unserer Gesellschaft ein alternatives Lebensmodell viel zu häufig mit Faulheit oder Schwäche gleichgesetzt wird. Die Redewendungen „Zeit ist Geld“ oder „Lasst uns keine Zeit verschwenden“ lassen hieran kaum Zweifel. Ein kollektiver Teufelskreislauf – oder vielleicht doch eher ein Kettenkarussell? Es mag schwierig sein, inmitten dieser schnelllebigen Gesellschaft einen langsameren Takt für sich selbst zu finden, laut Prof. Rosa ist es jedoch nicht unmöglich.

Die Slow Life Bewegung

Und tatsächlich: Langsam, aber sicher hat sich eine Gegenbewegung zum omnipräsenten Geschwindigkeitskult entwickelt. „Slow Life“ nennt sich die Kunst der Entschleunigung und findet ihren Ursprung in den 90er Jahren mit der Slow Food Bewegung – in Italien. Gewissermaßen als kritische Antwort auf den damals boomenden Fast Food Trend. Mittlerweile hat sich das Konzept längst auf unzählige Lebensbereiche ausgeweitet, sei es Mode (Slow Fashion), Elternschaft, Sex, Kunst und Management.

Und es hat sich ein internationales Netzwerk für nachhaltige Städte gebildet, das sich Cittáslow nennt. Über 266 Städte erklären sich weltweit bereit, Maßnahmen zu ergreifen, die die Lebensqualität ihrer Bürger*innen verbessern soll. Dazu zählen beispielsweise die Reduzierung des Verkehrs, Senkung des Geräuschpegels, Ausweitung der Grünanlagen und die Förderung lokaler Produkte. Ihr Ziel: individuelle Städte mit lokaler Esskultur und Wiedererkennungswert, mit nicht immer denselben Läden in austauschbaren Einkaufszentren.

Wenn du dir auch manchmal wünschst, aus der rasenden Achterbahn auszusteigen und nur noch in Ruhe zuzuschauen, dann mach dir immer wieder bewusst, dass es möglich ist. Photo by Annie on Unsplash.

Philosophie des Gleichgewichts

Slow Life lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Je langsamer das Tempo, desto bewusster können Menschen den Moment erleben. Es ist der Wunsch, in die Tiefe zu leben statt in die Breite. Weniger kann nämlich wirklich mehr sein. Höchstes Gut ist nicht Geld, sondern ein Gleichgewicht aus Zeit, Geld, einer angenehmen Umgebung – kurzum; ein lebenswertes Leben. Die Beschäftigung mit den wichtigsten Dingen im Leben erfordert konsequente Prioritätensetzung – und dafür braucht es die Bereitschaft, einiges loszulassen. Weniger zu machen. Doch es gibt kein richtig oder falsch, keine festen Regeln, die es zu befolgen gilt. 

Es geht allerdings nicht darum, fortan alles im Schildkrötentempo zu erledigen. Stress und Hektik werden wir nie ganz aus dem Leben verbannen können, und das ist auch nicht das Ziel. Arbeit, praktische Erledigungen und soziale Aktivitäten sind ja wesentliche und zweckmäßige Bestandteile des menschlichen Lebens. Es macht aber einen großen Unterschied, ob wir all diese Aufgaben unter „ich muss“ oder unter „ich will“ laufen lassen. So lässt sich auch sehr schnell herausfinden, was tatsächlich unabdingbar ist. Müssen wir wirklich so oft einkaufen? Ist das nächste Projekt wirklich dringend nötig oder einfach Teil des Hamsterrads, das ich mir selbst gebaut habe? Oder habe ich wirklich Lust dazu und freue mich darauf? In dem Fall sollte ich der Sache auch gerne Zeit widmen.

„Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt.“
Ernst Ferstl

Kein kalter Entzug

Wer Slow Life in sein Leben integrieren möchte, fragt sich vielleicht, wie das praktisch funktionieren kann. Der perfekte Zeitpunkt ist jetzt, immer. Und durch die Corona-bedingten Umwälzungen stehen wir als Gesellschaft an einer Kreuzung und können uns in vielen Dingen wieder neu ausrichten. Reden wir also darüber, was wir wollen. 

Im Einzelnen können einfache Gewohnheitsänderungen hilfreich sein: Im Stau stehen einfach mal genießen. Die Schlange an der Supermarktkasse als willkommene Pause betrachten, die Gedanken schweifen lassen. Nicht ständig mehrere Dinge gleichzeitig machen. Das Smartphone etwas öfter aus der Hand legen. Sich die Frage angewöhnen: „Geht auch weniger?“. Aufmerksamkeit gelegentlich auf das innere Befinden richten. Die Bereitschaft, Geld für regionale Produkte auszugeben. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass man leichter die permanente Selbstoptimierung aufgibt und sich trotz der eigenen Fehler akzeptieren lernt.

Fatal wäre jedoch, wenn Slow Life nur ein weiteres Ziel zum Abhaken auf der To-Do-Liste wird. Slow Life funktioniert nicht als kalter Entzug, sondern als ganzheitliche Lebensphilosophie. Und die kann man sich nur langsam, Stück für Stück aneignen.

Im Übrigen ist nicht nur vielen Menschen auf der Achterbahn mittlerweile übel geworden, sondern auch unserem Planeten, dessen begrenzte Ressourcen in den grenzenlosen Wachstumsplänen der Wirtschaft oft vergessen werden. Entschleunigung trägt dazu bei, die Erde nicht noch weiter zu strapazieren.

Nehmen wir uns also Strawinsky zum Vorbild, der seinem Verleger entgegnete: „Ich habe keine Zeit, mich zu beeilen.“