Im Interview mit der Psychologin und Bestseller-Autorin Stefanie Stahl

Mit uns hat die Bestseller-Autorin Stefanie Stahl darüber gesprochen, warum ihre Bücher so gut ankommen, wie sie auf Ideen für neue Titel kommt und an welchem neuen Buch sie gerade arbeitet. Außerdem beantwortet sie viele Fragen zu dem Bestseller „Das Kind in dir muss Heimat finden“.

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Audio-Version dieses Artikels:

Autorin Stefanie Stahl © Roswitha Kaster

1. LEBENLANG: Ihr Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ erzielt schon seit Jahren einen unglaublichen Erfolg. Bisher hat das Buch ca. 1,2 Mio. Leser*innen gefunden und wurde in 25 Ländern verkauft. Warum glauben Sie, findet das Buch so viel Anklang?

Stefanie Stahl: Ich denke, weil es eine gute Struktur hat. Meine gefühlte Berufung ist es ja, dass ich immer besser verstehen möchte, wie der Mensch tickt und welche psychologischen Strukturen seinem ganzen Handeln, Fühlen und Denken zugrunde liegen. Die menschlichen Probleme sind letztlich gar nicht so individuell. Der Inhalt ihrer Probleme mag variieren, aber die Grundstruktur des Problemaufbaus und damit auch die Lösungen sind sehr ähnlich. So kann jede*r Leser*in an seinem individuellen Problem arbeiten, weil er sich in dieser Struktur wiederfindet.
Das Kind in dir muss Heimat finden“ handelt von Prägung. Es geht um die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wie Inhaltsprägungen unsere Sicht auf die Wirklichkeit formatieren. Nur davon hängt alles ab. Die Wirklichkeit und die Wahrnehmung sind gleichzusetzen mit unserem Bewusstsein. Wir können ja nur auf das reagieren, was in unser Bewusstsein vordringt. Das Buch liefert also viele Aha-Effekte.

2. In dem Buch sprechen Sie auch von Urvertrauen. Was bedeutet Urvertrauen und warum ist es so wichtig für alles, was im Leben folgt?

Stefanie Stahl: Das Urvertrauen bildet sich in den ersten zwei Jahren und es hängt damit zusammen, wie wir auf die Welt kommen. Wir werden ja zu früh geboren – die Schwangerschaft dauerte in Urzeiten 22 Monate, das hat sich verkürzt, weil der Kopf immer größer wurde. Wir kommen also ziemlich unfertig auf die Welt, sind völlig schutzlos. Da ist es wichtig, dass wir positive Erfahrungen machen, dass da Menschen sind, die sich wirklich gut um uns kümmern, die uns lieb haben, pflegen und beschützen. Und das genau ist Urvertrauen. Wenn wir merken, dass es Freude darüber gibt, dass wir da sind, dann bekommen wir ein ganz tiefes grundsätzliches Vertrauen des eigenen Wertgefühls.

3. Wie können wir als Erwachsene lernen, uns von dem zu distanzieren, was unsere Eltern uns mit auf den Weg gegeben haben?

Stefanie Stahl: Angenommen die Eltern haben nicht viel Zeit oder reagieren gestresst oder verständnislos, dann denkt das Kind ja nicht „Mama und Papa müssen mal in eine Erziehungsberatung“, sondern: „Ich genüge nicht“ oder „Ich falle zur Last“. So entstehen tiefe innere Prägungen und die brennen sich tief im Gehirn ein. Die ersten Lebensjahre sind wie ein Trainingslager in Sachen Beziehung und Selbstwertgefühl. Da lernen wir unseren Wert kennen und der hängt viel von der liebevollen Zuneigung ab. All diese Gefühle und Erfahrungen – ob negativ oder positiv – werden als unbewusstes Programm mit ins erwachsene Leben genommen.
Indem wir uns als Erwachsene damit beschäftigen und anfangen zu reflektieren, rücken all diese Erfahrungen wieder ins Bewusstsein. Da merken wir dann, dass unsere Glaubenssätze – also unsere tiefsten inneren Überzeugungen wie z. B. „Ich genüge nicht“ oder „Ich bin nicht wichtig“ sehr willkürliche Überzeugungen sind. Sich bewusst zu machen, diese Überzeugungen gehören eigentlich gar nicht zu mir, sondern eher zu meinen Eltern, sich davon zu distanzieren und sich damit nicht mehr zu identifizieren, das ist dann die Aufgabe.

4. Das heißt, dass ich als Erwachsener diese Glaubenssätze auch noch verändern kann?

Stefanie Stahl: Genau. Der wichtigste Schritt ist die Reflexion, dass ich mir überhaupt bewusst werde, was meine persönliche Brille ist, durch die ich die Wirklichkeit sehe. Mein Selbstbild entscheidet darüber, wie ich andere Menschen wahrnehme. Wenn ich also glaube, ich genüge nicht, dann habe ich ein chronisches Unterlegenheitsgefühl. Dann kann es mir leicht passieren, dass ich andere Menschen als überlegen wahrnehme und entsprechend werde ich dann auch reagieren. Man verfällt z. B. in Perfektionsstreben und versucht, immer alles richtig zu machen, um sich und der Welt zu beweisen, dass man doch genügt. Das ist eine sogenannte Selbstschutzstrategie. Dadurch bestimmt das eigene Selbstbild den ganzen Lebensstil.

5. Würden Sie sagen, dass Menschen mit negativen Kindheitserfahrungen anfälliger für innere psychische Konflikte sind?

Stefanie Stahl: Ja. Wenn man eine positive, geborgene Kindheit hatte, in der die Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Autonomie und Selbstständigkeit erfüllt wurden, dann entwickelt man mit hoher Wahrscheinlichkeit ein ganz stabiles Selbstwertgefühl und das ist schon eine sehr gute Grundlage. Das heißt nicht, dass Menschen mit einer schwierigen Kindheit kein glückliches und erfolgreiches Leben führen können, aber sie haben einfach mehr Päckchen mit sich zu tragen.

6. Sollten diese Menschen sich dann in therapeutische Behandlung begeben oder schaffen sie es auch selber, das aufzuarbeiten?

Stefanie Stahl: Das geht beides. Bei besonders schweren Belastungen kann es sehr sinnvoll sein, Psychotherapie zu machen. Aber man kann auch viel auch mit Ratgebern schaffen, das hat ja mein Buch gezeigt. Viele sagen mir, dass sie ihr Leben damit total verändert haben. Es hätte ihnen sogar mehr geholfen als Psychotherapie.

Man muss nicht jedes Kindheitserlebnis einzeln aufarbeiten, das ist ein altes Paradigma. Ich helfe den Leser*innen aber dabei, ihren roten Faden zu finden.

7. Was meinen Sie damit?

Stefanie Stahl: Der rote Faden könnte z. B. lauten: „Meine Eltern waren ganz ok, aber sie konnten mir Gefühle nicht gut vermitteln und waren öfters verständnislos. Dadurch habe ich bis heute das Gefühl, ich muss mich sehr stark anpassen und mich ein bisschen verbiegen.“

Zu verstehen, dass man heute groß ist, authentisch sein darf und natürlich zu seinen Gefühlen stehen kann, darauf kommt es an.

8. Und würden Sie das Selbsttherapie nennen?

Stefanie Stahl: Ja. Selbsttherapie ist auch absolut möglich. Wenn man den roten Faden hat, kann man sehr viel schaffen. Und den gebe ich ja. Ich leite die Leute an: Was sind die Fragen, die wichtig sind, sich selbst zu stellen. Was ist es, was ich verstehen muss, jeweils vor dem individuellen Hintergrund. Ich gebe die Struktur, nicht die Inhalte. Sie ist eine Art Lösungsalgorithmus.

9. Es klingt nur leider so, als müsste man sich damit auseinandersetzen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Gibt es in der Psychologie überhaupt eine Möglichkeit der Prävention?

Stefanie Stahl: Ja, natürlich. Ich habe selber ein Buch dazu geschrieben: „Nestwärme, die Flügel verleiht: Halt geben und Freiheit schenken – wie wir erziehen, ohne zu erziehen.“ Das ist ein Ratgeber für Eltern, wie sie ihre Beziehung zu ihren Kindern besser gestalten können. Damit sie nicht ihre eigenen Themen und Schatten auf ihre Kinder werfen. Da gibt es eine Menge Prävention.

10. Ihr neues Buch zusammen mit Dr. Christian Bernreiter: „So bin ich eben! Im Job. Typengerecht arbeiten im Team: der Schlüssel für Erfolg im Beruf“ ist erst kürzlich im Kailash-Verlag erschienen. Ist das Thema auch für Leute spannend, die schon viele Jahre im Beruf sind?

Stefanie Stahl: Das Buch ist ein Spin-off von meinem Ursprungsbuch „So bin ich eben!“. Dabei geht es um verschiedene Persönlichkeitstypen – also Typbeschreibungen: „Wie bin ich im Beruf, in der Liebe, in der Freundschaft, als Elternteil“. Ganz unabhängig davon, was die Eltern einem mitgegeben haben. Der eigene Persönlichkeitstyp berücksichtigt vier psychologische Dimensionen. Eine davon ist z. B., ob man eher extrovertiert oder introvertiert ist. Allein an diesem Konstrukt hängen viele Subeigenschaften. Jeder von uns kann eingeordnet werden. Und am Ende gibt es immer eine persönliche Gebrauchsanweisung. Bei „So bin ich eben! Im Job“ ist das noch mehr auf Arbeitsthemen zugeschnitten. Mit dem Konzept der Typbeschreibungen wird im beruflichen Kontext gerne gearbeitet – von Personalauswahl bis hin zu Teambuilding.

Würdest du gerne wissen, wo deine Potenziale liegen? Mach hier den Persönlichkeitstest.

11. Über welches Thema würden Sie in Zukunft gerne ein Buch schreiben?

Stefanie Stahl: Ich recherchiere gerade für ein Buch, das den Arbeitstitel „Alles was sie über Psychologie wissen sollten“ trägt. Ein zugegeben anspruchsvolles Projekt, in dem ich versuche, die psychische Grundstruktur, also wie der Mensch tickt, wie die menschliche Psyche aufgebaut ist, wo Störungen auftreten und wie sie behoben werden können, ganz stringent zusammenzufassen. Vor allem soll dieser Überblick verständlich für den Leser sein. Ich finde, das ist auch der Auftrag als Autor, mich so auszudrücken, dass möglichst kein Satz zweimal gelesen werden muss.
Was ich immer in meinen Büchern mache, ist: Ich verschaffe mir einen guten Überblick über die Fachliteratur, um psychologisch up to date zu sein. Auf der anderen Seite bin ich eine Querdenkerin und schaffe neue Verbindungen. Viele meiner Bücher haben einen innovativen Input, der aber haltbar auf dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse ist.
Nehmen wir als Beispiel das innere Kind. Eigentlich ein alter Hut, den es bereits seit den 60er Jahren gibt. Da geht es immer nur um die Gefühle. Was aber völlig neu ist, ist das ganze psychische Programm. Ich habe konkrete Übung, Glaubenssätze und die Selbstschutzstrategie hinzugefügt. Dem ein neues Bild zu geben und in einen gesamten Zusammenhang zu setzen, das beschreibt ganz gut, was ich mit „innovativem Input“ meine. Ich weiß, was mein Fach zu bieten hat und entwickle gerne etwas Neues daraus. Nicht um der Neuigkeit willen, sondern weil ich denke, das Ding ist größer. Erst zusammengefügt ergibt sich ein gutes, einheitliches Bild.