Meine verliebte Freundin

In unserer neuen Reihe „Vera erzählt“ plaudert die Best Agerin über alles, was sie mit 60plus beschäftigt. Beziehung, Gesundheit oder Sex – bei keinem Thema nimmt sie ein Blatt vor den Mund. In diesem Monat geht es um ihre frisch verliebte beste Freundin. 

„Ich habe deinen Anruf gar nicht gesehen“, flötet sie, „das Handy lag auf dem Küchentisch und ich war im Garten.“ Alles klar. Wenn meine beste Freundin stunden- oder tagelang nicht erreichbar ist, weiß ich, es geht ihr gut. Sie schwebt auf Wolke sieben und dazu habe ich keinen Zugang. Dann ist nämlich Mr. Big bei ihr. So nenne ich ihn insgeheim, weil er eine mächtige Vorrangstellung in der Verteilung von Aufmerksamkeit und Kommunikation gegenüber ALLEN anderen innehat. Wenn er bei ihr ist, ist er die ganze Welt für sie. Andere braucht sie dann nicht.

 

Hört das denn nie auf?

Genau andersherum ist es, wenn ich bei meiner besten Freundin bin. Da teilt sie ihre Aufmerksamkeit sehr wohl. Dann nimmt sie das Handy sogar mit auf die Toilette. Er könnte ja eine Nachricht schicken. Und die muss natürlich umgehend beantwortet werden. Geschmückt mit jeder Menge Smileys und Herzchen. Wahnsinn. Sie ist 59. Und nicht 17! Ich frage mich manchmal: Hört das denn nie auf? Die Antwort kann ich mir natürlich selbst geben: Nein. Im Gegenteil. Es wird immer schlimmer.

Ich will nicht ungerecht sein. Ich war ja auch nicht anders. Bevor ich endlich meinen Mr. Right traf, hatte auch ich ein unfreiwilliges Partner-Hopping hinter mir – samt unzähligen Stichen in mein unsicheres Herz. Da blieben Narben. Und die Angst vor dem nächsten Schmerz. Verständlich also, das Lauern meiner Freundin auf jedes bestätigende Zeichen und die Sehnsucht nach schnellwirkendem Seelenbalsam aus dem Netz. 

„Wenn das Handy zum Taktgeber des Liebeslebens wird, bin ich misstrauisch.“
Vera Sandberg

Von Torschlusspanik und Vertrauen

Denn wir alle leben im Liebesparadox unserer Zeit: 90 Prozent der Deutschen wünschen sich eine erfüllte Partnerschaft als wichtigstes Lebensziel. Aber die Ehe hat nur eine Fifty-fifty-Chance zu halten. Torschlusspanik, wenn wir älter werden und es schon soundso oft schief gegangen ist – eigentlich eine ganz gesunde Reaktion. Das Problem ist nur, dass es in der lauernden Habachtstellung nicht läuft mit der Liebe. Das ist meine Beobachtung in all den Jahren. Ich möchte meiner Freundin sagen: Hey, leg das Handy weg und sei im Hier und Jetzt. Dein Schatz darf ruhig wissen, dass du auch ein Leben ohne ihn hast.

Denn der Stoff, der die Liebe haltbar macht, heißt: Vertrauen. Doch gerade das Vertrauen in der Verliebtheit ist blind. Es beruht auf nichts als einem riesengroßen Wunsch: dass endlich alles gut wird. Und damit nicht genug – Vertrauen hat ja zwei Seiten. Nicht nur das begehrte Gegenüber ist ein Unsicherheitsfaktor. Zuerst einmal muss ich mir nämlich selbst vertrauen. Ich muss sicher sein: Diesen Menschen will ich, diese Beziehung werde ich hegen und pflegen. Und diese innere Sicherheit kann uns keine Whatsapp-Nachricht, keine E-Mail, kein Anruf – überhaupt gar nichts, was von außen kommt – eintrichtern. 

Aber woher nehmen wie sie, die Entscheidung: Der ist es? Hier kommt uns dann doch das Alter wieder zugute. Einerseits haben wir Bruchlandungen erlebt. Andererseits haben wir aber auch gelernt, wie man wieder aufsteht. Wir wissen, was uns guttut, wer uns guttut, was wir brauchen – und was wir wert sind. Und wenn nicht, müssen wir es dringend herausfinden. 

Emojis und Herzchen auf dem Display mögen als Pflaster auf unverheilten Wunden dienen, als Krücken bei immer noch schmerzenden Verletzungen oder auch als Zuckerle gegen bittere Verlusterfahrungen. Aber Vertrauen in die Liebe kommt ganz allein von innen. Anders gesagt: Wenn das Handy zum Taktgeber des Liebeslebens wird, bin ich misstrauisch. Das ist nicht nur Energieverschwendung und ein bisschen unreif, es ist auch wie ein Vorbote des nächsten Scheiterns. Denn wer als Verliebte zu viel aufs Handy starrt, vergisst leicht mal, auf sein Herz zu hören.

In ihrer letzten Kolumne schrieb Vera über neue Liebe im Alter. Ihr könnt sie hier lesen.