Mit 75 zum Triathlon: Wille kennt kein Alter

Wenn man selbst unter Triathleten auf der Langdistanz ein eisenharter Exot ist, dann will das schon etwas bedeuten. Auf Otto Tylkowski trifft das definitiv zu. Otto Tylkowski nämlich ist 75 Jahre alt – und er bereitet sich gerade darauf vor, beim sagenumwobenen Ironman auf Hawaii an den Start zu gehen. 3,86 km Schwimmen im Pazifischen Ozean, 180 km auf dem Rennrad und anschließend ein ganzer Marathon – all das unter teilweise nervenzerfetzenden Klimabedingungen. 

Was für die meisten Menschen selbst auf dem Höhepunkt der körperlichen Leistungsfähigkeit unerreichbar und möglicherweise völlig verrückt wirken dürfte, ist für andere der Gipfel aller sportlichen Träume. Träume von einem Triathlon beispielsweise, die das Corona-Virus vorerst beendete. Otto Tylkowski nimmt es sportlich: „Mein Lebenstraum ist eigentlich dadurch nicht zerstört, ich hab mich recht schnell mit der Situation abgefunden.“ Immerhin, Hawaii ist für Otto Tylkowski kein Neuland. Er hat sich diesen Traum bereits erfüllt – dreizehn Mal. Aber ein letzter Start sollte es noch sein, das hatte er sich vorgenommen. Es war seine Chance, in der Ü75-Altersklasse einer der Jüngsten zu sein, vielleicht sogar auf´s Treppchen zu laufen – zum ersten Mal in seiner spektakulären Karriere. 

Es ist vor allem die positive Einstellung, die Otto Tylkowski anderen mitgeben kann.

Mit dem Alter kamen die Medien

Schon in einem Jahr wird Otto Tylkowski nicht mehr zu den Jüngsten in der neuen Altersklasse gehören; ein großer Nachteil. Nach Hawaii will er trotzdem nochmal. Ein Wahnsinns-Unterfangen, das dem Hamburger bereits viel Aufmerksamkeit brachte. Regionale Zeitungen, Sportmagazine, die Sportschau: alle berichteten über den ambitionierten Plan. Interviews mit Barbara Schöneberger und dem Triathlon-Journalisten Frank Wechsel, dazu mediale Aufmerksamkeit: „Ein bisschen gebauchpinselt fühlt man sich dann schon“, gibt Tylkowski zu. Ein wenig habe ihn dann auch die Szene auf die Bühne gezogen, um noch einmal den großen Wurf zu wagen, sagt er aber auch selbstkritisch. 

Bereits 2008 hatte Otto Tylkowski seine Triathlon-Karriere eigentlich für beendet erklärt.  Zwei Jahre später wurde ihm ein Stent, ein medizinisches Implantat zum Offenhalten von Gefäßen, eingesetzt. Sportlich betätigte er sich da nur noch als Kapitän eines Traditionsseglers, wo er von seiner offenen Art und seiner lockeren Zunge profitiert. Das war nicht immer so. Seine Offenheit hat ihn in der Vergangenheit auch schon Jobs gekostet, einfach, weil er sein „Maul aufgemacht“ hat. Sein bewegtes Leben führte ihn von einer Tätigkeit in einer Brauerei in die IT-Branche, wo er die goldenen Anfangsjahre von SAP begleitete, später wurde er Universitäts-Dozent und Unternehmensberater.

Auch heute noch nimmt Otto Tylkowski kein Blatt vor den Mund. Etwa, wenn er kritisiert, was aus den großen Triathlon-Veranstaltungen geworden ist. So hätte der Organisator Ironman keine Rückerstattung der hohen Gebühren für ausgefallene Hawaii-Qualifizierungs-Rennen angeboten. Stattdessen stand ein Ausgleichsrennen in Kasachstan zur Debatte – ein Angebot, das Tylkowski mit einem Kopfschütteln quittierte. 

Dann eben Triathlon mit 80

An seinem Ziel ändert das freilich nichts. Wenn die Gesundheitssituation weltweit mitspielt, will er im nächsten Jahr in Kopenhagen oder Lanzarote die Qualifikation schaffen und dann eben unter erschwerten Bedingungen auf Hawaii antreten. Und wenn das nichts wird, hat er immer noch ein Ass im Ärmel: mit 80 wäre er der Jüngste in der nächsten Altersklasse. Wie ernst das gemeint ist, weiß Otto Tylkoswki derzeit vermutlich selbst nicht. Er sagt: „Mit 75 vergeht jede Sekunde doppelt so schnell.“

Ein unrealistischer Träumer ist Otto Tylkowski nicht. Doch ist es seine Art, aus dem, was gegeben ist, das Beste zu machen. So hat er die Corona-Zwangspause genutzt, eine Knie-OP anzugehen, die er seit 2018 aufgeschoben hatte. Auf seinem Segelschiff hatte er sich den Meniskus eingerissen. Mittlerweile ist er schmerzfrei, hat aber Wasser im Knie. Doch auch hier bleibt er optimistisch. „In vier bis sechs Wochen kann ich hoffentlich wieder anfangen, zu laufen.“

Es ist vor allem die positive Einstellung, die er anderen mitgeben kann. Tatsächlich nacheifern sollen Senioren ihm gar nicht. „Wer vorher nicht sportlich war, soll zum Rentenbeginn bloß nicht anfangen, für den Ironman zu trainieren.“ Schwimmen hingegen sei ein guter Anfang, auch ein hochwertiges Ergometer empfehlenswert. „Erst, wenn der BMI unter 20 gefallen ist, kann man auch im Alter mit dem Laufen anfangen.“

Für einen gesunden Lebensstil aber sei es nie zu spät. „Viele Rentner leben nur noch, um zu sterben.“ Dem könne man mit etwas Bewegung entgegenwirken. Er selbst habe aber nicht erst im Rentenalter angefangen zu laufen. Im Grunde führt er seine sportliche Karriere auf seine Kindertage zurück. Damals haben ein paar ältere Jugendliche in seiner Nachbarschaft gewohnt und ihm den zweifelhaften Spitznamen „Otto Arschvoll“ eingebracht. Der folgenden Tracht Prügel habe er nur durch Laufen entgehen können. Später prägte ein Sportlehrer mit indischen Einflüssen durch Barfußeinheiten den Laufstil, auf den Tylkowski noch heute stolz ist.

Wo abends die Vögel schlafen

Egal, wann Otto Tylkowskis letzter Ironman auf Hawaii ansteht, ein würdiger Abschied ist schon vorbereitet. So hat er immer einen aus einem seiner alten Segelboote stammenden, über 100 Jahre alten Nagel im Gepäck. Diesen will er auf Hawaii in einen ganz bestimmten Baum schlagen, um seine Laufschuhe an den sprichwörtlichen Nagel zu hängen. Der über 400 Jahre alte Baum steht wenige Meter vor dem legendären Ziel der Laufstrecke, jeder Hawaii-Finisher passiert ihn kurz vor dem Schluss. „Es ist der Baum, in dem abends die Vögel schlafen“, sagt Otto Tylkowski leise. Er muss es wissen. 

Bei seinem letzten Hawaii-Rennen hatte er gesundheitliche Probleme, quälte sich über 16 Stunden über die Langdistanz und wurde kurz vor Toresschluss vom damaligen Sieger Jan Frodeno persönlich in Empfang genommen. „Frodo“ erreichte das Ziel neun Stunden vorher. Der dreimalige Hawaii-Champion war es laut Otto Tylkowsi auch, der dem symbolischen Akt mit dem Nagel eine ganz neue Bedeutung gab. Er schlug vor, dass Otto Tylkowski den Nagel dauerhaft in den Baum schlägt, so dass jeder Triathlet seine Schuhe an Ottos Nagel hängen kann, wenn er seine Hawaii-Karriere beendet. Frodeno selbst würde dies auch tun. Ein Ritterschlag für Otto Tylkoswki, dem es nie um den Ruhm ging. Ein fittes Leben gehört für ihn dazu. „Bis ich 90 bin, möchte ich mir meine gerade Haltung bewahren.“ Im übertragenden Sinne hat er das immer getan – im Sport, im Beruf und im Leben.

Sebastian Kienle vor dem Ironman auf Hawaii im Oktober 2019. Photo: Graeme Murray.

Martin Pieck: Herr Kienle, wann sind Sie erstmals auf Herrn Tylkowski aufmerksam geworden?

Kienle: Genau sagen kann ich das nicht. Otto Tylkowski ist eine Legende in der deutschen Triathlon-Szene. In den vergangen Jahren wurde in den Triathlon-Medien immer wieder von ihm berichtet. Aber nicht nur das, auch im deutschen Fernsehen, unter anderem in der Sportschau, waren schon Reportagen über ihn zu sehen.

 

Martin Pieck: Können Sie sich vorstellen, mit Mitte 70 noch auf Hawaii zu starten?

Kienle: Nach Beendigung meiner Profikarriere habe ich nicht vor, weiter bei Triathlon-Wettbewerben zu starten. Ich hoffe aber, dass ich in seinem Alter noch so gesund und fit bin, um weiter Sport treiben zu können.

 

Martin Pieck: Wieso ist gerade Hawaii so viel anstrengender als andere Langdistanzen?

Kienle: Die klimatischen Bedingungen mit Hitze, Wind und hoher Luftfeuchtigkeit, das Schwimmen im Pazifik, die Einsamkeit beim Marathon durch die Lava-Wüste und natürlich das starke Starterfeld machen den Ironman Hawaii so hart.

 

Martin Pieck: Jan Frodeno hat gesagt, dass er am Ende seiner Karriere seine Laufschuhe an den Nagel hängt, den Otto Tylkoswi in den Baum auf der Zielgeraden schlägt. Können Sie sich das auch vorstellen?

Kienle: Ich hoffe, dass ich noch ein paar Jahre als Profi vor mir habe. Daher mache ich mir aktuell noch keine Gedanken dazu, wo ich mein letztes Rennen bestreiten werden. Sollte es auf Hawaii sein, kann ich mir das durchaus vorstellen.

Timothy O'Donnell, Jan Frodeno und Sebastian Kienle auf dem Ironman in Kailua-Kona, Hawaii, USA. Photo: Graeme Murray.

Martin Pieck: Können Sie als Profi etwas von Otto Tylkoswki lernen?

Kienle: 13 Teilnahmen beim Ironman Hawaii sind etwas Besonderes. Das bedeutet, dass Herr Tylkowski es in 13 Jahren geschafft hat, sich zu qualifizieren und dann auch tatsächlich am Start zu stehen, also nicht verletzt oder krank zu sein. Das ist nicht selbstverständlich. Dazu muss man die Fähigkeit besitzen, sehr gut auf den eigenen Körper zu hören und das Training vernünftig zu steuern.

 

Martin Pieck: Kann Otto Tylkoswki ein Vorbild sein für andere Menschen über 70? Wenn ja, wie? Und wo vielleicht besser nicht?

Kienle: Auf jeden Fall. Ein aktiver Lebensstil im Alter ist für jeden empfehlenswert und steigert die Lebensqualität. Schwimmen und Radfahren ist auch im Alter noch gut möglich. Laufen oder zumindest Walken für die meisten ebenso. Triathlontraining, zumindest in Maßen, ist durchaus gesund, eine Langdistanz hingegen kann ich nicht wirklich empfehlen. Dazu braucht man entsprechende Grundlagen.

 

Martin Pieck: Wie gehen Sie mit der Corona-Situation um? Teilen Sie die Entspanntheit von Herrn Tylkowski oder juckt es Ihnen (gerade als Profi) mehr in den Füßen?

Kienle: Als Profi ist es nicht ganz so einfach, entspannt mit der Corona-Situation umzugehen. Ich konnte in den letzten Monaten zwar fast normal trainieren, allerdings wurden seit März alle Rennen abgesagt. Welche Wettkämpfe in diesem Jahr tatsächlich stattfinden, ist noch nicht klar. So steht hinter der Austragung der IM Europameisterschaft in Frankfurt ein großes Fragezeichen. Die Absage von Rennen trifft uns Profis natürlich hart, weil dadurch wichtige Einnahmen wie Preisgelder oder Prämien wegbleiben. Wenn die Wirtschaft ins Stocken gerät, trifft das zudem auch unsere Sponsoren.