Neue Liebe gesucht!

In ihrer Kolumne „Vera erzählt“ plaudert die Best Agerin über alles, was sie mit 60plus beschäftigt. Beziehung, Gesundheit oder Sex – bei keinem Thema nimmt sie ein Blatt vor den Mund.

Vera Sandberg erzählt über das Leben im Alter. Photo: Caren Pauli

Das war’s jetzt,

dachte ich. Ich habe alles versucht, eine neue Liebe zu finden, nachdem die Familie auseinandergedriftet war. Kinder groß, Mann weg – das erleben viele. Also war ich ins Netz gegangen, war optimistisch, mutig – so gut es ging. Aber nie war viel mehr draus geworden als gelegentliche amouröse Wochenenden. Einer war mal kurzzeitig zu mir gezogen, entdeckte aber, nachdem er seine scheußlichen Möbel abgestellt hatte, dass er die 30 Jahre jüngere Ukrainerin noch liebte, die ihn zuvor betrogen hatte.

Dann sollen sie doch ohne mich auskommen, dachte ich, ich bin dann mal weg. Es gibt so viel Schönes im Leben, die Liebe eines Mannes ist nur eines davon. Wer nicht gut allein sein kann, sagen ja Psychotherapeut*innen, der kann auch nicht gut zweisam sein. Reine Theorie! Ich kann gut allein sein – wenn ich nicht muss! Das ist der Unterschied zwischen allein sein und einsam sein.

Zum Glück bin ich inkonsequent und nicht sehr nachtragend. Also ging ich irgendwann mit einer Online-Anzeige wieder ins Netz. Ich machte mich nicht mehr jünger, ich schickte keine Fotos mit Restjugendlichkeit, und ich stellte auch mein Licht nicht mehr unter den Scheffel, in der Sorge, manchen Männern zu selbstbewusst zu erscheinen. Nö, dachte ich, wer meine 60 gelebten Jahre nicht schätzt und Angst vor einer „selbstständigen Autorin“ hat, der kann mir gestohlen bleiben. Und diesmal war es der Hauptgewinn. Seit sieben Jahren sind wir zusammen sehr glücklich. Das einzige, was stört, ist, dass er erst so spät in mein Leben kam. Dafür dann aber sehr schnell.

Die Mehrheit glaubt an die große Liebe!

Was ich eigentlich sagen will? Dranbleiben, wenn man der Liebe noch eine Chance geben will. Es lohnt sich! In jedem Alter. Es ist der Sechser im Lotto. Das schon. Aber wir können für unser Glück etwas mehr machen als Kreuzchen auf dem Lottoschein. In Deutschland gibt es 10,7 Millionen 50-Plus-Singles. Fast die Hälfte aller Nutzer*innen von Online-Single-Börsen sind älter als 50 Jahre. Laut einer Umfrage der Plattform Zweisam.de glauben 93 Prozent noch an die große Liebe und zwei Drittel können sich vorstellen, wieder zu heiraten. Der Markt gibt also ordentlich was her. Die Auswahl ist riesig. Die Psychologin Dr. Katharina Ohana, die Partnersuchende im Netz berät, sagt zu den Erfolgsaussichten: „Wer dranbleibt und beziehungsfähig ist, der wird auch fündig.“ Und das Beste: „Wenn sich Paare über 50 finden, hält es besonders lange.“ In fast 80 Prozent halten die Beziehungen der zweiten Runde.

Aber wir müssen für unser Glück – anders als mit siebzehn – ein bisschen arbeiten. Klingt unromantisch, ist aber wahr. Wir müssen herausfinden, wer wir sind, was wir brauchen, wen wir suchen. Wir brauchen eine Art Inventur der eigenen Erwartungen und Erfahrungen. Warum hat es früher nicht funktioniert? Was ist mein Anteil daran? Diese Fragen muss man schon mit sich klären. Sonst passiert immer wieder das Gleiche.

„Die Nadel im Heuhaufen - ich habe sie gefunden, als ich zu mir stehen konnte, zu meinem Alter, zu meinen Schwächen. Aber auch zu meinen Stärken.“
Vera Sandberg

Und wir müssen ehrlich sein. Es nützt nichts, sich online zehn Jahre jünger zu machen oder ein Foto zu schicken, auf dem man noch zwei Kleidergrößen kleiner trug. Ein guter Trost für alle, die sich nicht schön genug fühlen: Wir müssen nicht Angelina Jolie sein, wenn wir keinen Brad Pitt suchen! Auch unser Gegenüber hat statt Waschbrettbauch wahrscheinlich eher dünnes Haar. Na und? Passen muss es!

Ich habe beim Anklicken und Wegklicken von Partnervorschlägen ein virtuelles Gemetzel unter Bankangestellten und Studienräten veranstaltet. Das tat ganz gut: Die wollen mich nicht? Irrtum – ich will die nicht. Ich suchte keine Sicherheit, die ich mir selbst nicht geben kann. Ich wollte einen Freigeist, einen, der viel lacht und der auch mit fast 60 noch nicht „fertig hat“ im Leben. Die Nadel im Heuhaufen – ich habe sie gefunden, als ich zu mir stehen konnte, zu meinem Alter, zu meinen Schwächen. Aber auch zu meinen Stärken.

Also kleiner Tipp für die Liebe aus dem Netz: Erst gründlich über alles nachdenken, geduldig bleiben – und dann schnell zugreifen!

 

 

In ihrer letzten Kolumne schrieb Vera über „Schönheit im Alter“. Ihr könnt sie hier lesen.