Neustarter Bernd Sydow: „Aufgeschlossenheit ist mein Lebensquell“

Eine erfolgreiche Firma gründen, teuer verkaufen und es sich mit dem Geld in der Südsee bequem machen: das klingt für viele nach dem Traum schlechthin. Unser Interview-Partner Bernd Sydow war in genau dieser Situation. Warum er es nicht lange auf der Trauminsel ausgehalten hat und wie es zu seinem spannenden Werdegang kam. erfahrt ihr in unserer diesmonatlichen „NeustarterPlus“-Ausgabe. 

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Audio-Version dieses Artikels:

Unser diesmonatlicher Neustarter: Bernd Sydow. Photo: Bernd Sydow.

Carolin Makus: Bernd, wenn ich es deiner LinkedIn-Vita richtig entnehme, hast du im Jahr 1997 damit begonnen, Unternehmen zu gründen, seitdem nicht aufgehört und auch ganz verschiedene Firmen geleitet bzw. begleitet. Worin liegt für dich der Reiz im Gründen und auch in der Geschäftsführung von Firmen?

Bernd Sydow: Nach meinem Studium der Betriebswirtschaftslehre war ich vier Jahre lang in der IT- und Organisationsabteilung eines Industriebetriebs angestellt. Es ging darum, neue Prozesse zu gestalten und organisatorisch umzusetzen. Dabei habe ich gelernt, wie wichtig es ist, die Mitarbeiter*innen in den Fachabteilungen mitzunehmen. Neben den neuen Tools und Programmen sind die persönliche Beziehung und die Motivation entscheidend für den Erfolg eines Organisationsprojekts. Nach diesen vier Jahren habe ich mich entschieden, den Weg der Selbständigkeit zu gehen. Seitdem und bis heute ist es für mich reizvoll, neue Ideen mit spannenden Menschen umzusetzen. Ich übernehme gerne neue Aufgaben, trage auch gerne die Verantwortung als Geschäftsführer und Gründer. Ich habe es nie bereut, nicht mehr angestellt zu sein.

Carolin Makus: Du bist sehr beschäftigt, aber letztlich hat der Tag nur 24 Stunden und einen gestressten Eindruck hast du auch noch nie auf mich gemacht. Delegieren ist hier wahrscheinlich das Schlüsselwort, was? Doch welche Angelegenheiten gibst du eher ungern aus der Hand und widmest dich diesen lieber ganz persönlich und gewissenhaft? Hast du im Alltag bestimmte Routinen, beruflich wie privat, oder lässt du dich eher flexibel vom Tag leiten?

Bernd Sydow: In der Tat, ich bin mittlerweile Geschäftsführer mehrerer Unternehmen. Diese Firmen sind in sehr unterschiedlichen Segmenten tätig. Ich habe nicht den Anspruch, dass ich alles wissen und beherrschen muss. Mein Ziel ist es, interessierte und stark motivierte Mitarbeiter*innen mit großem Potenzial zu finden und diese in gemischten Teams einzusetzen. Ich sorge oft für die Finanzierung, die Organisation und die Rahmenbedingungen. Gemeinsam entwickeln wir eine Vision und legen zusammen außergewöhnliche Ziele fest.

Delegieren ist dabei ganz wichtig; jeder kümmert sich um seinen Teil und, was besonders wichtig ist: Man kann bei uns auch Fehler machen. Wer bereit ist Fehler zu machen, ist bereit zu riskieren. Erst das Verlassen alter und bekannter Pfade ermöglicht es, neue Ideen und neue Lösungen zu schaffen. Wichtig ist mir das Reflektieren der Fehler, was lerne ich daraus, was wird mir beim nächsten Mal nicht mehr passieren?

„Wer bereit ist Fehler zu machen, ist bereit zu riskieren.“

Carolin Makus: Sogar im Studium hast du schon eine enorme Verantwortung übernommen in der Rolle als Präsident der AIESEC, ein internationaler Austausch-Verband von und für Studierende. Worin lagen deine Aufgaben und warst du schon damals gezielt auf der Suche nach einer neuen Herausforderung mit viel Verantwortung oder ergab sich das alles einfach?

Bernd Sydow: Während des Studiums geht es vielen Studierenden darum, Erfahrungen in Unternehmen zu sammeln, Praktika zu finden oder Jobs in Unternehmen zu bekommen um zu erfahren, welche Tätigkeiten und Fachbereiche später interessant werden können. AIESEC unterstützt Studierende dabei. Ich habe hier mitgearbeitet und als bei der nächsten Wahl kein Kandidat für den Vorsitz zur Verfügung stand, habe ich mich halt gemeldet. Meine Aufgabe war es, bei den Unternehmen Spendengelder für die Organisation und unsere ehrenamtliche Arbeit zu akquirieren. Dabei habe ich viele Betriebe und Entscheider*innen in den Firmen kennengelernt – der Anfang eines wertvollen Netzwerks ist dabei entstanden.

Carolin Makus: Wusstest du schon in deinem Studium (Diplom-Kaufmann; BWL), wie es für dich nach dem Studium weitergeht? War dir klar: Du möchtest gern ganz verschiedene Unternehmungen auf den Weg bringen oder war der Plan ursprünglich ein anderer?

Bernd Sydow: Es war sehr früh meine Idee, ein Unternehmen zu gründen, es dann für viel Geld zu verkaufen und mich dann auf einer Insel unter die Palme zu setzen. Nach drei Wochen habe ich gemerkt, dass es mir langweilig wurde. Also habe ich mir die nächste Herausforderung gesucht. Ich liebe Veränderungen, neue Chancen und attraktive Trends. Habe ich ein Thema gefunden, beginne ich in der Regel mit ein bis zwei Expert*innen aus diesem Gebiet.

Wir schreiben einen Businessplan und entwickeln ein Geschäftsmodell. Was ist das Besondere? Welche Menschen brauchen wir dazu? Wir entwickeln eine Vision und ambitionierte Ziele. Viele neue Kolleg*innen finden wir über unser mittlerweile großes Netzwerk. Und dann geht’s los. Auf dem Weg reflektieren wir immer wieder, ob es so passt. Sehr häufig müssen der Weg und die Maßnahmen angepasst werden.

Bei allen Unternehmen ist folgendes immer gleich: Es dauert immer länger als geplant, kostet immer mehr Geld als gedacht und bringt immer Überraschungen mit sich, die keiner geahnt hat.

Aufgeschlossenheit und Geschäftssinn halten offenbar jung: Bernd Sydow ist der lebendige Beweis. Photo: Bernd Sydow.

Carolin Makus: Du bist vor allem im sozialen, ökologischen und im Gesundheitsbereich aktiv. Dabei fällt ein recht vielseitiges Portfolio auf: Vom Infrastrukturprojekt für Handelsfrachter, über die Sicherung digitaler Daten und die Etablierung einer Pflege-Bewertungsplattform bis hin zur Entwicklung sowie Erstellung von Photovoltaikanlagen ist vieles dabei. Folgst du bei deiner Auswahl an Unternehmungen vor allem deinen eigenen Interessen, oder schaust du, welche Thematiken künftig besonders relevant sein werden – oder vielleicht sogar beides?

Bernd Sydow: Ja, hier geht es durch viele Branchen. Aktuell bin ich ebenfalls Vorstand der Arva Greentech AG. Ein Unternehmen, welches ein weltweit neues Verfahren entwickelt und patentiert hat und umweltneutral Bodenkontaminationen rückstandsfrei eliminiert. Hier sind wir zurzeit stark im arabischen Raum, besonders im Oman im Umfeld der ölfördernden Industrie tätig.

Ich bin fasziniert, was auf unserer Welt alles möglich ist und mit welch interessanten und spannenden Menschen ich zusammen arbeiten kann. Entscheidend sind auch hier für mich immer die persönlichen Beziehungen. Egal, ob ich mit Mitarbeiter*innen und Geschäftspartner*innen in Nigeria, in Baku, in der Ukraine, in der Türkei, in der Slowakei oder in Bayern zusammenarbeite, entscheidend sind für mich immer die persönlichen Beziehungen. Das ist eine enge und verbindliche Beziehung bei der man sich aufeinander verlassen kann. Ich suche mir sehr gezielt nur diese Menschen.

Carolin Makus: Über welche Wege und Kanäle informierst du dich über aktuelle und absehbare Trends in Wirtschaft, Gesundheit und im sozialen Sektor? Ist deine Devise einfach mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu laufen und Lösungen für bestehende oder sich anbahnende Probleme zu schaffen oder richtest du dich nach bestimmten Magazinen, Börsentrends, Manager*innen-Runden etc.?

Bernd Sydow: Ich möchte immer offen und neugierig bleiben. Interessiert und aufgeschlossen zu sein ist meines Erachtens ein Lebensquell für uns Menschen. Zurzeit höre ich täglich Podcasts der „Pioneer-Group“, unter anderem „Gabor Steingart‘s Morning Briefing“. Ich finde es klasse, direkt und unverfälscht die Fachexpertise und Einschätzungen von vielen Expert*innen und Unternehmenslenker*innen zu erfahren.

 

Carolin Makus: Die Bereiche, in denen du aktiv bist, zeichnen sich gesellschaftlich von hoher Relevanz aus. Doch was war deine bisher ungewöhnlichste unternehmerische Investition und hast du dich thematisch auch schon einmal völlig verrannt und absolut auf das falsche Pferd gesetzt? Wenn ja: Wobei ging es da?

Bernd Sydow: Bei allen Unternehmensgründungen und bei jedem Unternehmensaufbau gab es immer und mehrfach Überraschungen, die mehr oder weniger existenziell waren; Überraschungen, die nicht geplant und auch nicht vorstellbar waren. Ich glaube, die unternehmerische Fähigkeit liegt darin, gemeinsam mit den Teams diese Herausforderungen zu meistern. Wir sind beim Meistern dieser Aufgaben jedes Mal persönlich über uns hinausgewachsen und haben gesagt: Dieser Vorfall wird uns beim nächsten Mal nicht mehr erschüttern.

„Interessiert und aufgeschlossen zu sein ist meines Erachtens ein Lebensquell für uns Menschen.“

Carolin Makus: War dein Hang zum Gründer- und Unternehmertum schon im Kindes- und Jugendalter erkennbar? Wenn ja, inwiefern?

Bernd Sydow: Ja, schon als Kind war es mein Traum, eine Firma zu gründen. Ich dachte nicht, dass es dann mehrere werden würden. Ich habe es die ganzen Jahre sehr zu schätzen gewusst, dass wir genau in dieser Zeit in Deutschland und mitten in Europa leben und wir außergewöhnliche Rahmenbedingungen haben, um Träume umzusetzen, etwas zu probieren und Außergewöhnliches zu schaffen. Und was mir auch immer wichtig ist: Zu genießen! Neben der ganzen Arbeit genieße ich die Zeit mit unseren Kindern und Enkelkindern, treibe regelmäßig Sport, fahre jeden Tag Fahrrad und besitze seit vielen Jahren kein Auto mehr.

 

Carolin Makus: Wurde dir dein unternehmerisches Talent in die Wiege gelegt; kommst du aus einer Unternehmerfamilie oder konntest du dich schlichtweg mehr und mehr für Betriebswirtschaft und das Marktgeschehen begeistern?

Bernd Sydow: Ich komme nicht aus einer Unternehmerfamilie. Mein Geld habe ich mir damals Stück für Stück zusammengespart und dann damit die erste eigene Firma gegründet. Es war die Firma „time&more“, ein Personaldienstleister für Fach- und Führungskräfte. Erstmalig haben wir versucht, Programmierer*innen und Administrator*innen im Rahmen der Zeitarbeit projektbezogen bei Kund*innen einzusetzen. Später kamen weitere Qualifikationen dazu. Nach zehn Jahren waren es über 650 Mitarbeitende mit sechs Niederlassungen in Deutschland. Ich habe das Unternehmen dann verkauft und mich mit dem Bau von Photovoltaikanlagen in der Slovakei befasst.

Später kam die Gründung von „werpflegtwie“, dem ersten Bewertungsportal in Deutschland rund um Pflege und Betreuung. Sozusagen der „TripAdvisor“ der Pflege. Hier gibt es mittlerweile über 28.000 Pflegeeinrichtungen auf der Plattform. Diese Plattform haben wir in erster Linie gebaut, um mehr Transparenz in die Pflege zu bringen. Eine gute Hilfe um zu erfahren, wie die Qualität der Einrichtung von Mitarbeiter*innen, Bewohner*innen und Angehörigen empfunden wird.

 

Carolin Makus: Ich habe dich bisher als sehr geerdetes Naturell wahrgenommen. Was tust du, sollten die Nerven doch einmal blank liegen? Hast du einen bestimmten Sport oder bestimmte Hobbys oder Routinen, die dich wieder zur Ruhe kommen lassen?

Bernd Sydow: Ja, ich genieße die Zeit mit meiner Frau, den Kindern und unseren Freunden – wir sind sehr unternehmungslustig.

 

Carolin Makus: Wenn du deinem Berufseinsteiger-Ich drei Tipps mit auf den Weg geben könntest, welche wären es?

Bernd Sydow: Erstens: Freut Euch auf die Zukunft – be open-minded. Dann als Zweites: Schaut über den Tellerrand hinaus; Erfahrungen im Ausland sind prägend für das ganze Leben. Und als letztes: Genießt und feiert eure Erfolge.

 

Carolin Makus: Vielen Dank für das interessante und inspirierende Interview, Bernd Sydow!