Neustarterin im Weben: Über alte Künste zu neuen Ufern

Wer ein Leben lang Neues ausprobiert hat und wen es schon immer nach Weiterentwicklung dürstete, der hört auch im Rentenalter nicht auf damit. Esther Zumbrunn und ihre Geschichte übers Weben sind ein gutes Beispiel dafür. Mit ihr setzen wir daher unsere Portrait-Reihe über Neustarter*innen fort.

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Esther Zumbrunn hat den guten Stoff. Foto: Esther Zumbrunn.

Weben und Leben im Kreis

Frau Zumbrunn hatte im Leben schon viele „Hüte” auf. Den der Lehrerin, der Musikerin, der Politikerin, der Geschäftsfrau und der Mediatorin. Nach dieser erfüllten Karriere blieb der klassische Ruhestand jedoch aus. Vielmehr übt sie Ruhe und Gelassenheit, indem sie sich einem fast vergessenen Handwerk widmet: der Handweberei. Diese alte Kunst ist ihr neues Business. „Mit den Händen aktiv bleiben, das ist mir wichtig,” erzählt mir Frau Zumbrunn am Telefon.

Die passionierte Geigen- und Bratschenspielerin versteht es, ihre bestehenden Fertigkeiten in Einklang mit neuen Vorhaben zu bringen. Sinn für Abläufe und Farbkombinationen habe sie schon immer gehabt, erfahre ich. Die farbenfrohen Wellen-Skizzen und fantasievollen Muster, die sie in jungen Jahren bloß zu Papier brachte, erweckt sie heute am altehrwürdigen Webstuhl zum Leben. „Ja, so schließt sich nach all den Jahren der Kreis,” freut sich die aufgeweckte Macherin. 

Foto: Esther Zumbrunn.

Selbstverwirklichung verläuft in Zyklen

Ich bin neugierig und möchte wissen, wie es zu der bisher auffallend vielseitigen Laufbahn kam. „Wird Ihnen schnell langweilig, Frau Zumbrunn? Brauchen Sie regelmäßig neue Herausforderungen, verliert Gewohntes irgendwann seinen Reiz für Sie?”, will ich wissen. Sie holt aus: „Nun, man muss ja eigentlich nur in die Natur blicken. Schauen wir uns zum Beispiel die Jahreszeiten an. Knospen sprießen, erblühen schließlich und entfalten im Laufe der Zeit ihre volle Pracht. Dann wird es welk in der Landschaft, die Frische des Grüns weicht der Abgeklärtheit und Überreife brauner, gelber und rötlicher Töne. Beinahe scheint alles stillzustehen und schon geht es wieder von vorn los.” Ähnlich verhalte es sich mit der eigenen Selbstverwirklichung, meint sie. Diese erreiche der Mensch ebenfalls in Form von Zyklen.

Selbstverwirklichung. Ein großes Wort, das die ehemalige Lehrerin gekonnt für mich einordnet. Man hört wohl nie ganz auf, Lehrerin zu sein, denke ich mir. Sie führt geduldig aus: „Ja, was ist das? Selbstverwirklichung. Letztlich beschreibt es doch eigentlich nur die Tatsache, dass man sich um sich selbst kümmert. Dazu gehört es, dass man sich regelmäßig selbst fragt, ob man noch glücklich und erfüllt im Leben ist? Gehe ich noch gern meiner aktuellen Arbeit nach? Bin ich zufrieden in meiner Beziehung? Lässt mich meine finanzielle Situation nachts in Ruhe schlafen? Lebe ich über meine Verhältnisse oder schöpfe ich mein Potential gar nicht aus? Selbstfürsorge umfasst jeden Lebensbereich und bedarf regelmäßiger und ehrlicher Selbstreflexion.“

Das gibt einem tatsächlich zu denken, nicht wahr? Doch Frau Zumbrunn steckt noch mitten im Gedanken und schließt ab: „Wenn man Muster erkennt, die einen unglücklich machen, sollte man entsprechend handeln, also an gegebener Stelle mal abbiegen und neue Pfade erkunden. So bleibt man sich treu.”

Recht hat sie. Ich erinnere mich an den landläufigen Spruch, dass sich der eigene Geschmack oder Stil alle sieben Jahre ändert. Größer gedacht verändern sich die Bestrebungen, Motivationen und Bedürfnisse vielleicht im ähnlichen Intervall? Im Leben von Esther Zumbrunn war es jedenfalls so. Um sich treu zu bleiben, ging es an immer neue Vorhaben. Mir kommt es jedoch so vor, als als habe sie nie aufgehört, das vorherige zu sein. Die Musikerin blieb, die Lehrerin auch. Es kam schlicht eine neue Rolle nach der anderen hinzu.

So bunt und farbenfroh sind die Stoffe unserer diesmonatlichen Neustarterin. Foto: Esther Zumbrunn.

Mit Talent und Training in die Handweberei

Frau Zumbrunn scheint diese Lebensweise erfolgreich verinnerlicht zu haben. Sie ist eine vielseitige Frau, das lässt sich wohl behaupten. Wenn sie nicht gerade im Grünen unterwegs ist, Line Dancing oder Russisch lernt, webt sie oder geht ihrer alten Firma, der Al Fresca GmbH, zur Hand. Und da ist es nur natürlich, dass nach einer Karriere – nicht zuletzt als Projektentwicklerin und Prozessbegleiterin in eigener Firma – auch jenseits des klassischen Renteneintrittsalters noch der Tatendrang ruft.

Warum Frau Zumbrunn sich für die Handweberei am Webstuhl begeistern kann, wissen wir bereits. Aber wie kommt man eigentlich an das schwere Gerät und die sehr spezifischen Fähigkeiten, die es braucht, um diesen müßigen Koloss zu bedienen? Sie erklärt: „Unweit von mir, in der Nähe von Göttingen, ergab sich die Möglichkeit, dass ich mich in der Handweberei Rosenwinkel an einem traditionellen Webstuhl ausprobieren konnte.“

Und nicht nur das. Vor Ort schloss sie Freundschaft mit einer jungen Webmeisterin, die sie mit aller Geduld in die alte Kunst einführte. Gemeinsam Stoffe und Kontakte knüpfen also. Mittlerweile kann Esther Zumbrunn einen Webstuhl aus Schweden ihr Eigen nennen. „Das ist toll und wichtig! Ich sage immer: Sorge für Niedrigschwelligkeit, vor allem wenn du etwas Neues startest und eine bestimmte Tätigkeit regelmäßig oder sogar täglich ausführen möchtest.”

Sie genießt also den Luxus, in die eigene Webstube zu entschwinden, wann immer und so lange es ihr beliebt. Die heute 67-Jährige webt seit sieben Jahren und denkt nicht daran, damit so bald aufzuhören. Wichtig sind ihr sorgfältige Arbeit und eine hohe Qualität des Garns. Und so können ihre Käufer*innen feinste Schals, Teppiche, Vorleger und viel Weiteres bei ihr erstehen. Beispielsweise auf Ausstellungen oder über ihren Online-Auftritt. Mitsamt Vorbereitung kann die Herstellung eines Schals schon einmal drei Tage dauern. Aktuell bringt Frau Zumbrunn eine farbenfrohe „Corona-Collection” heraus – mit Mustern, so verrückt und wild wie das Jahr 2020 selbst.