Neustarterinnen: Märchen und Demenz

Märchen schlagen seit jeher Brücken zwischen Generationen, Religionen, Kulturen und Individuen. Silke Fischer und Monika Panse, die Gründerinnen vom MÄRCHENLAND, unterstützen diesen Ansatz seit Jahren. Unter anderem sensibilisieren sie für die Potenziale vom Erzählen & (Vor-)Lesen in der Pflege.

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Vorlesen macht glücklich. Zuhören macht glücklich. Märchen machen glücklich. Photo by Dollar Gill on Unsplash.
Monika Panse, Geschäftsführerin von "Märchenland Deutsches Zentrum für Märchenkultur".

„In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön. Aber die Jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich wunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien.” – Erinnern Sie sich noch daran, zu welchem Märchen diese ersten Zeilen gehören? Silke Fischer trägt dieses Märchen vom Froschkönig nebst zahlreichen weiteren tief im Herzen.

Und weil es so vielen Menschen genau wie der Geschäftsführerin vom Deutschen Zentrum für Märchenkultur geht, treffen die Märchenstunden aus dem MÄRCHENLAND buchstäblich mitten ins Schwarze. Ausgebildete Märchen-Vorleser*innen, Erzähler*innen sowie Künstler*innen besuchen hierfür verschiedenste Pflegeeinrichtungen, Kitas und Co. Denn eines ist klar: Märchen kennen keine Altersgrenzen, sind ehrlich, nahbar, faszinierend und bilden auf diese Weise Brücken zwischen Generationen, Religionen und Kulturen im Großen, sowie zwischen Individuen im Kleinen.

Silke Fischer, Direktorin von "Maerchenland e. V. - Deutsches Zentrum fuer Maerchenkultur". Photo by Konzept und Bild.

Eine starke Doppelspitze für ein großes Anliegen

Monika Panse teilt sich die Geschäftsführung mit ihrer vertrauten Mitgründerin Silke Fischer. Gemeinsam haben Sie im Jahr 2004 das MÄRCHENLAND – Deutsches Zentrum für Märchenkultur gegründet bzw. dieses nach der Übernahme vom Initiator der Berliner Märchentage, Horst Dieter Klock, neu erfunden. Ihr Anliegen und ihre Mission sind groß angelegt, aber – und das zeigt die Praxis- durchaus machbar: Sie wollen das Kulturgut „Märchen” in das Bewusstsein unserer Gesellschaft tragen, das bestehende Bewusstsein erhalten und wachsen sehen. Als einziges Zentrum seiner Art in Deutschland, versteht sich das MÄRCHENLAND als eine Institution für das traditionsgebundene und literarische Genre der Märchen, Sagen und Geschichten. Dabei könnte der Ort der Gründung nicht besser sein: Berlin. Die Hauptstadt der Bundesrepublik ist ehemaliger Wohnort sowie Ort des Schaffens der berühmten Brüder Grimm, ihres Zeichens die wohl bedeutendsten Märchensammler der Welt. 

Märchen und Demenz. Foto: Marlies und Florian Ludwig.

Von Berlin in die Welt, von der Welt nach Berlin

Vom bedeutungsgetränkten Berlin aus organisieren Frau Fischer und Frau Panse die alljährlichen Berliner Märchentage. Da diese dezentral an ca. 350 verschiedenen Orten in ganz Berlin stattfinden, können sich die mehr als 150.000 erwarteten Besucher*innen bzw. Teilnehmenden auch dieses Jahr auf das epische Festival freuen. In kleinen Gruppen und damit „Covid-19-konform” kann vom 05. bis zum 22. November 2020 den Stimmen der Erzählenden und Vorlesenden gelauscht werden. Das Thema für dieses Jahr lautet „Oben und Unten”, Geschichten von Gegensätzen – arm oder reich, gut oder böse, schlau oder dumm”.

Auf die aktuelle Situation eingehend, arbeitet das siebenköpfige Team aktuell auf Hochtouren an einem Ausbau des Online-Angebotes. So wird es also im Rahmen der Berliner Märchentage zahlreiche Möglichkeiten der interaktiven Teilhabe geben, auch ganz ohne Vor-Ort-Besuch. Die konkrete Veranstaltungsplanung der 31. Berliner Märchentage kann voraussichtlich ab dem 16. September auf der Veranstaltungsseite der Berliner Märchentage eingesehen werden. Das Team vom MÄRCHENLAND freut sich auf Besucher*innen sowie auf Teilnehmende aus aller Welt und darauf, dass diese wiederum ihre Erfahrungen später in ihrer Heimat teilen. 

Breit aufgestellt und ganzjährig aktiv

Unabhängig von den Berliner Märchentagen, ist das MÄRCHENLAND das ganze Jahr über in der internationalen Szene rund um Märchen, Sagen und Erzählungen aktiv. Bei näherem Interesse kannst du dich auf deren Projektseite über die unten aufgeführten Projekte und Formate näher informieren: 

Märchenstunden:

  • Politiker*innen erzählen Märchen
  • Die Märchenstunde
  • Märchen im Rampenlicht
  • Die Frohe Botschaft
  • Kindheitserinnerungen
  • Die Märchensprechstunde
  • Kinder-VIP-Loge
  • Die gute Tat
  • Tatort MÄRCHENLAND
  • MÄRCHEN exklusiv
    1. Märchenschiff
    2. Ausstellungen
  • Symposien
  • Bundesweite Projekte
  • Internationale Projekte
  • Märchen und Demenz

Mit Blick auf die Vielzahl der Formate und Projekte überrascht der folgende Fakt über das Deutsche Zentrum für Märchenkultur kaum: „MÄRCHENLAND organisiert jedes Jahr europaweit mehr als 2.000 Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene” – Das ist eine Hausnummer! Deutlich wird einmal mehr, wie hoch die Nachfrage nach den Angeboten des Teams um Silke Fischer und Monika Panse ist.

Gabriele Wittich zeigt beim Familienfest "Zauberhaftes in den Treptowers" am 17.11.2002 im Rahmen der "13. Berliner Märchentage" ein verwunschenes Spiel von der schönen Wassilissa. Foto: gezett.de / Gerald Zörner

Ein besonderer Blick auf die Potenziale von Märchen in der Altenpflege

Uns interessiert mit Blick auf das Titelthema dieses Artikels auch, welche Potenziale das Erzählen und Rezipieren von Märchen in der Altenpflege hat. Daher wollen wir eines der oben genannten Formate gern genauer beleuchten: „Märchen und Demenz”. Auf der offiziellen Homepage der präventiven Maßnahme wird das Bündel an positiven Wirkungen regelmäßiger Märchenstunden zunächst kompakt zusammengefasst:

„MÄRCHENLAND setzt den Kulturträger Märchen als innovative Kraft in der Altenpflege ein, da Märchen emotional das Langzeitgedächtnis aktivieren und damit auch Menschen mit Demenz erreichen! Auf Grundlage der im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführten wissenschaftlichen Studie „Es war einmal … MÄRCHEN UND DEMENZ“ entwickelte MÄRCHENLAND ein in Deutschland einzigartiges Gesundheitsförderungskonzept, das dem novellierten Präventionsgesetz vollumfänglich entspricht.”

Erforscht wurden im Rahmen des Themenkomplexes „Märchen und Demenz” bisher folgende Aspekte, auf denen die tägliche Arbeit des MÄRCHENLANDES basiert: 

  • „Die Wirkung des regelmäßigen professionellen Märchenerzählens auf Bewohner*innen mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen; Studie: “Es war einmal … MÄRCHEN UND DEMENZ”, durch Prof. Dr. Ingrid Kollak, 2012-2015
  • „Die Wirkung von Märcheninterventionen auf Patient*innen mit Demenz im Akutkrankenhaus; Studie: „Wirkungen von professionellem, regelmäßigem und strukturiertem Märchenerzählen auf Patient*innen sowie Pflege- und Betreuungspersonal im Akutkrankenhaus“, durch Prof. Dr. Peter Berger, 2016-2018
  • „Die Wirkung der Präventionsmaßnahmen „Es war einmal … MÄRCHEN UND DEMENZ“ auf Bewohner*innen und Mitarbeitende stationärer Pflegeeinrichtungen”, durch fortlaufende Evaluationen von Prof. Dr. Ingrid Kollak

Die Pflegekassen fördern das wertvolle Engagement der Pflegenden vor Ort

Mit Blick auf die umfangreichen Studienergebnisse zeigen die hier erwähnten Studien, dass das regelmäßige Erzählen/Vorlesen von Märchen nicht nur eine beruhigende sowie partizipative und strukturierende Wirkung auf die Bewohner*innen (mit und ohne Demenz) hat, sondern sich auch stressreduzierend auf die Mitarbeitenden der Pflege auswirkt. Ein Gewinn auf jeder Ebene also. Daher ist die Schulung zum/r Märchenvorleser*in für die Einrichtung selbst auch nicht mit Kosten verbunden. Denn diese können mit Berufung auf das Präventionsgesetz ganz einfach von den Pflegekassen gefördert, also übernommen, werden. Interessierte Angehörige, Bewohner*innen aus Pflegeeinrichtungen und/oder Mitarbeiter*innen aus der Pflege finden hier Details zu den Bausteinen der Präventionsmaßnahme „Es war einmal … Märchen und Demenz”. 

In diesem Zusammenhang ist allerdings Folgendes zu beachten: „Die Ausbildung für die Pflegenden zur/zum zertifizierten Märchenvorleser*in können nur die Pflegenden nutzen, deren Einrichtungen die gesamte Maßnahme „Märchen und Demenz“ durchführen, man kann also nicht unabhängig von der Maßnahme an einer Fortbildung teilnehmen“, informiert Silke Fischer abschließend.

Frei von jeder Last

Wie so viele Menschen, wuchs auch Frau Fischer mit Grimms Märchen auf. Sie verbindet diese vor allem mit ihrer Oma, die sich in Kindheitstagen sehr um sie gekümmert hat. Die Frage nach einem Lieblingsmärchen möchte Frau Fischer aber nicht beantworten. „Das kann ich auch gar nicht. Ich habe so viele Lieblingsmärchen und mag diese aus ganz verschiedenen Gründen. Der Froschkönig z. B. hat einen so starken Anfang, Hans im Glück ein sehr bedeutendes Ende.” Und so bleibt uns an dieser Stelle nichts weiter hinzuzufügen, außer folgendes Zitat: 

„So glücklich wie ich, rief er [Hans] aus‚ gibt es keinen Menschen unter der Sonne. Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war.“ (Fassung der Brüder Grimm, nach August Wernicke)*

31. BERLINER MÄRCHENTAGE HIMMEL UND ERDE MÄRCHEN UND GESCHICHTEN VOM OBEN UND UNTEN 5. BIS 22. NOVEMBER 2020