Na dann, gute Nacht! Schlaf ist wertvolle Lebenszeit

Wissenschaft wacht auf

Im Durchschnitt verbringt der Mensch ein Drittel seiner Lebenszeit im Schlaf. Ob wir es wollen oder nicht: Wir verabschieden uns regelmäßig aus dem Alltag, um tief in unser Unterbewusstsein abzutauchen. Was genau passiert, wenn wir schlafen, war tatsächlich lange nicht klar. Die Wissenschaft habe die Schlafforschung schlichtweg verpennt, stellt der Diplom-Psychologe und Somnologe Dr. Hans-Günter Weeß fest. In seinem aktuellen Sachbuch Schlaf wirkt Wunder klärt er über „das wichtigste Drittel unseres Lebens“ auf.

Schlafmangel – Zukunft oder Alptraum?

„Träumerle, Schnarchnase und Penner“ – Langschläfer haben umgangssprachlich keinen guten Ruf. Wer dagegen mit wenig Schlaf auskommt, gilt immer noch als besonders fit und leistungsfähig. Besorgte Beobachter bringen genau deshalb kein Auge mehr zu: Die nächtliche Ruhephase einer 24/7-Gesellschaft mit Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeitsanspruch geht auf Kosten einer chronisch unausgeschlafenen Bevölkerung. Schlafforscher warnen daher nicht nur vor gesundheitlichen, sondern in letzter Konsequenz auch vor volkswirtschaftlichen Schäden.

Wie gefährlich Schlafmangel sein kann, zeigt das Experiment des englischen Neurowissenschaftlers und Schlafforschers Jim Horne. Er konnte nachweisen, dass Schlafentzug die gleiche Wirkung hat wie Alkoholkonsum: Nach 17 Stunden ohne Schlaf entsprach das Reaktionsvermögen seiner Probanden einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille. Nach weiteren fünf Stunden Wachbleiben lag der Vergleichswert bereits bei 1,0 Promille.

Schlaf ist die beste Medizin

Fakt ist: Schlafen gehört genauso wie essen und trinken zu den lebenserhaltenden Funktionen. Unser Organismus braucht Zeit und Ruhe, um sich zu regenerieren. Viele Programme laufen erst dann, wenn wir abschalten: Während z.B. Hormone wie Renin für den Erhalt der Nierenfunktion ausgeschüttet werden, bildet das Immunsystem im Schlaf Abwehrzellen aus. Ein größeres Schlafbedürfnis beim Anflug einer Erkältung teilt uns genau mit, was zu tun ist. In klinischen Studien konnten Mediziner sogar nachweisen, dass ausreichend Schlaf die Bildung von Immunzellen nach einer Impfung begünstigt. Die Kontrollgruppe, die nach der Impfung nicht genug Schlaf bekam, hatte erheblich weniger Abwehrkörper im Blut.

Wir schlafen besser als wir denken

Die gute Nachricht zum Schluss: Viele Menschen schätzen ihre Schlafstörung schlimmer ein, als sie ist. Wie Schlafforscher der Universität Freiburg jüngst herausfanden, träumt (!) jeder Sechste seine Schlaflosigkeit nur – jedoch so realistisch, dass die Betroffenen fest davon überzeugt sind, nicht geschlafen zu haben. Für das Experiment wurden 27 schlechte und 27 gesunde Schläfer in zwei Nächten im Schlaflabor während des REM-Schlafs (Traumschlaf) und während des NREM-Schlafs (traumloser Schlaf) durch einen lauten Signalton geweckt. Das Ziel der Wissenschaftler war es, herauszufinden, welche der Schlafphasen für Schlafstörungen verantwortlich ist.

Das verblüffende Ergebnis: Schlechte Schläfer träumen im REM-Schlaf von Schlaflosigkeit und „erleben“ diese dann wohl auch tatsächlich: Jeder Sechste von ihnen war überzeugt, wachgelegen zu haben – während umgekehrt fast alle gesunden Schläfer versichern, geschlafen zu haben. Viele der schlechten Schläfer berichteten bei Wachwerden in der REM-Phase zudem von quälenden Gedanken über die Schlaflosigkeit im Traum – was im traumlosen NREM-Schlaf nicht der Fall war.

Mission Sandmännchen

Abends die Sorgen vor der Schlafzimmertür abstellen und entspannt ins Bett kuscheln. Wenn das so einfach wäre mit der verflixten Entspannung! „Die Crux ist: Der Wille zu schlafen, ist der Feind des Schlafes. Anders ausgedrückt: Wer schlafen will, bleibt wach! Das heißt, egal, was man macht – man darf es nicht tun, um besser schlafen zu können. Mit einer entspannten inneren Haltung kommt der Schlaf von ganz allein. Insofern sind auch sogenannte gute Tipps für viele Menschen nicht sehr hilfreich. Denn auch wer vor dem Schlafengehen „angestrengt entspannt, um einzuschlafen“, findet dadurch nicht die für den Schlaf notwendige Entspannung. Im Gegenteil: Er strengt sich ja an und bleibt aus diesem Grunde wach“, Diplom-Psychologe und Somnologe Dr. Hans-Günter Weeß kennt diesen Teufelskreis aus seiner langjährigen Praxis.

„Hex-hex“, schmunzelt Weeß, könne tatsächlich ein Zauberwort für besseren Schlaf sein, „Wer Probleme beim Einschlafen hat oder nachts aufwacht und dann nicht mehr schlafen kann, sollte es ruhig einmal mit Bibi Blocksberg, Benjamin Blümchen oder den drei ??? versuchen. Denn angenehme Kindheitserinnerungen schaffen ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit – und können damit eine ideale Grundlage sein, um entspannt wieder einschlafen zu können.

Na dann, gute Nacht!

Der Diplom-Psychologe und Somnologe Dr. Hans-Günter Weeß ist Leiter der Schlafmedizinischen Abteilung des Pfalzklinikums Klingenmünster. In seinem Sachbuch Schlaf wirkt Wunder bietet er konkrete Lebenshilfe bei Schlafstörungen, u.a. mit einem Drei-Wochen-Programm für nachhaltig besseren Schlaf.

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