Schönheit im Alter

In unserer neuen Reihe „Vera erzählt“ plaudert die Best Agerin über alles, was sie mit 60plus beschäftigt. Beziehung, Gesundheit oder Sex – bei keinem Thema nimmt sie ein Blatt vor den Mund.

Vera Sandberg erzählt über das Leben im Alter. Photo: Caren Pauli

Ich habe es getan, ja, ich gebe es zu. Ich habe „was machen lassen“: Die Schlupflider wurden gestrafft. Warum ich es zugebe? Weil ich dagegen bin, dass die kleinen, längst verbreiteten Eingriffe ein peinliches Schattendasein führen. Ca. 77485 Mal legten sich 2018 Frauen im Namen der Schönheit unters Messer. 

Warum ein solcher Eingriff?

Wofür und warum machen Frauen diese oft teuren, manchmal schmerzhaften Eingriffe – um was genau zu erreichen? Ich finde, genau das ist der Knackpunkt beim Für und Wider. Darum möchte ich, bevor ich erzähle, warum ich es getan habe, deutlich sagen, welche Gründe es nicht waren, die mich bewegt haben: Ich wollte weder jünger, noch „more sexy“ sein, keinem fremden Schönheitsideal entsprechen und mich auch nicht radikal verändern. Im Gegenteil. Ich habe dem Mann mit dem Skalpell gesagt, er soll sehr sparsam vorgehen, nur so wenig von der überhängenden Haut entfernen, dass mein Augenschnitt erhalten bleibt. Süße Kulleraugen hatte ich nie, passen dann eben auch nicht.

Zwei Jahre habe ich überlegt, gezögert, Vor- und Nachteile abgewogen, meinen Liebsten gefragt und zwei Expertinnen mit eigenen Erfahrungen einbezogen. Was gab am Ende den Ausschlag? Ganz ehrlich: Ich war neugierig. Und mein Vater hat mit 85 gesagt, er würde sich die Augen liften lassen, wenn er bald nicht mehr unter den schweren Lidern hervorgucken könne. Mein Augenschnitt stammt nämlich eindeutig von ihm. Also dachte ich: Warum bis 85 warten, wenn ich vielleicht jetzt schon profitieren könnte?

Entspannen wir uns mal!

Die Diskussion über sogenannte Schönheits-OP’s sollte weniger moralinsauer, weniger ideologisch und besserwisserisch geführt werden. Damit wir uns ehrlicher mit den Fragen dahinter beschäftigen können. Wir alle leiden mehr oder weniger unter dem Schönheitsdiktat, das in den letzten Jahren immer erpresserischer auf uns Frauen wirkt. Aber wir begegnen ihm nicht, indem wir unser Aussehen ignorieren oder gar vernachlässigen. Wir haben die Möglichkeit, das Thema selbstbewusst zu behandeln. Jede möchte schön sein. Jede nach ihren Möglichkeiten. Und jede hat ihre schönen und weniger schönen Seiten. Modelvorbilder, auch wenn sie seit einiger Zeit sogar grauhaarig daherkommen, können unsere Blaupause nicht sein. Wir sind echte Frauen und wollen auch so wahrgenommen werden.

Fettabsaugen, Brustvergrößerungen, Lippen aufspritzen – das wäre zum Beispiel nichts für mich. Obwohl ich in jungen Jahren gern etwas mehr Oberweite gehabt hätte. Jetzt habe ich mich dran gewöhnt und wenn ich irgendwo zu viele Röllchen anbaue, dann renne ich nicht zum Chirurgen, sondern öfter durch den Wald. Einzigartig, wiedererkennbar sein – das kann einem keine OP der Welt verschaffen, das kann nur das Leben, das wir leben. Susan Sarandon, die wunderschöne, eigenwillige Schauspielerin, hat gesagt: „Nichts ist so sexy wie Lebensfreude“. Daher kommt die innere Schönheit, die jede von uns haben kann. 

Es gibt einen schmalen und sehr individuellen Grat zwischen dem selbstbewussten, authentischen Auftritt und dem unerreichbaren Schönheitsideal, dem manche ängstlich hinterherhecheln. Es geht nicht darum, die eigene Lebenszeit optisch verschwinden zu lassen. Es sollte kein Statussymbol sein, das Alter zu verschleiern. Jede von uns hat nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern auch ihren unverwechselbaren Stil. Wir wissen genau, was uns steht und was uns guttut – beste Voraussetzung dafür, eine souveräne Entscheidung zu treffen: Was machen lassen? Ja oder Nein? Lebensfreude heißt ja auch Freude an sich selbst. Wer ein bisschen mehr nachhelfen will, als nur mit Kamm und Stift, der soll dazu stehen. Und es bitte wirklich ausschließlich für sich selbst tun. Wie sagte doch die wundervolle Christiane Hörbiger so schön: „Ich möchte nicht besonders jung aussehen, sondern besonders gut.“ Genau! Und nein, ich sehe jetzt nicht zehn Jahre jünger aus. Aber freundlicher, ausgeschlafener. Und ich kann auch wieder viel besser gucken. 

 

In ihrer ersten Kolumne schrieb Vera über „Sex im Alter“. Ihr könnt sie hier lesen.