Selbstliebe: Warum sie uns grundlegend verändert

Das Konzept der Selbstliebe ist in der Menschheitsgeschichte wahrlich nichts Neues; ist es doch von jeher Grundlage für alle menschlichen Beziehungen. Nicht erst seit Zurhorsts Bestseller „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“ hängt das Glück in Partnerschaften maßgeblich vom Selbstbild der beiden Partner ab. Was uns die Selbstliebe gibt, wieso sie so selten anzutreffen ist und dass sie mehr als eine Modeerscheinung ist, zeigt dieser Artikel.

___STEADY_PAYWALL___

Audio-Version dieses Artikels:

Die Selbstliebe ist die einfachste und nachhaltigste Zutat für ein erfülltes Leben. Illustration: Caren Pauli.

Wieso auch noch mich selbst lieben?

Was verbindet alle Menschen? Letztlich ist es wohl die ständige Suche nach dem Glück, die jeden von uns antreibt; die uns morgens aufstehen lässt, die in unserer Arbeit, in unseren Hobbies, in der Partnersuche und in religiösen Überzeugungen sichtbar wird. Alle diese Faktoren haben sicherlich auch ihre Berechtigung auf der Liste der Dinge, die für unsere Zufriedenheit sorgen. Das letzte Wort haben sie jedoch nicht.

Designerkleidung, das perfekte Eigenheim oder Schönheitsoperationen – beim genaueren Blick auf den Aufwand, den Menschen teilweise betreiben, um ihr vermeintliches Glück zu finden, drängt sich ein offensichtlicher Denkfehler auf. Die Selbstliebe ist die einfachste und nachhaltigste Zutat für ein erfülltes Leben und da wir sie uns selbst geben können, ist sie besonders stabil. Zudem tut sie nicht nur uns selbst gut, sondern auch unseren Beziehungen: wir können sowohl mit Kritik als auch mit Komplimenten besser umgehen, wir müssen nicht mehr ständig im Mittelpunkt stehen und haben mehr Kraft, uns um andere zu kümmern. 

Alte Lasten

Ob es uns leichtfällt, uns selbst anzunehmen, liegt – wie so vieles – in der Kindheit begründet. Es gibt viele Dinge, die schief laufen können und ein Kind glauben lassen, dass es nicht genug ist: ob es falsche Bestrafung, eine Trennung der Eltern oder auch die Abhängigkeit des eigenen Werts von Leistungen sind. Viele Menschen haben Schwierigkeiten damit, sich selbst zu lieben; tatsächlich ist das sogar eher die Regel. Deshalb lohnt es sich zu hinterfragen: Hängt mein Selbstwert einzig und allein davon ab, was andere von mir halten? Wie lasse ich meine innere Stimme mit mir reden? Was sind meine Glaubenssätze? Wie kann ich lernen, gütiger zu mir zu sein? 

Übrigens: Es ist natürlich vollkommen okay, sich dennoch über Komplimente zu freuen oder sich konstruktive Kritik zu Herzen zu nehmen.

Wer sich selbst leiden mag, kann auch gut mal mit sich alleine sein. Photo by Darius Bashar on Unsplash.

Ja, Selbstliebe ist trainierbar. 

Selbstliebe zu üben lohnt sich. Aber wie geht das genau? Das Wichtigste hast du schon getan, indem du diesen Artikel liest: du wirst dir der Sache bewusst und fängst an zu reflektieren. Fang an, mit anderen darüber zu reden, denn Selbstliebe geht alle an. Und mach dir immer wieder klar: Dein Wert hängt nicht von deinen Leistungen ab. Du liebst die Menschen in deinem Umfeld schließlich nicht nur für das, was sie tun, sondern für das, was sie sind. Du willst ganz praktisch loslegen? Hier sind noch mehr Tipps für dich:

1) Nimm dir jeden Abend kurz Zeit für dich und benenne zwei Dinge, die du an dir magst. Schreib sie auf einen Zettel oder in ein Notizbuch. Allerdings bitte nicht mehr als zwei! Warum? Damit nimmst du dir den Druck, vollständig sein zu wollen. Benenne einfach jeden Abend zwei deiner positiven Eigenschaften oder auch etwas, das du heute gut gemacht hast. Mit der Zeit wird sich dein ganzes Denken verändern.

2) Du singst eh ständig im Radio die einschlägigen Liebesschnulzen mit? Widme dir den Liedtext doch einfach mal selbst; du wirst merken, wie schwer einem dann plötzlich manche Zeilen über die Lippen gehen und wie wohl sie tun, wie etwa Seal’s „No, I won’t be afraid / Just as long as you stand by me“ (deutsch: Nein, ich werde keine Angst haben, solange du bei mir bistoder Whitney Houston’s „I hope life treats you kind / And I hope you have all you’ve dreamed of / And I wish to you joy and happiness / But above all this, I wish you love“ (deutsch: Ich hoffe, dass das Leben gut zu dir sein wird und dass sich all deine Wünsche erfüllen / Und ich wünsche dir Glück und Zufriedenheit und vor allem wünsche ich dir Liebe).

3) Gewöhne dir an, deine innere Stimme zu hinterfragen: Würdest du so auch mit deiner Freundin sprechen? Sei mit dir selbst nicht strenger als mit anderen.

4) Auch die Selbstliebe-Bewegung hat längst die Welt der Podcasts erreicht. Du findest auf sämtlichen Plattformen (iTunes, Spotify…) viele verschiedene Beiträge zu dem Thema oder Meditationen für mehr Selbstliebe (z. B. von „Glück in Worten). Je mehr du dich mit dem Thema befasst, desto eher wird es sich in deinem eigenen Leben niederschlagen.

Wenn du dich selbst liebst, ist allen geholfen.

Selbstliebe zu praktizieren hat übrigens wenig mit Egoismus zu tun; ganz im Gegenteil profitiert unser persönliches Umfeld sogar enorm davon. Erstens nehmen wir unseren Bezugspersonen viel Last von den Schultern, wenn wir uns selbst lieben. Das Konfliktpotenzial nimmt ab. Denn wer übermäßig von der Bestätigung anderer abhängt, strahlt das ständig unterschwellig aus. Wenn die Bestätigung von außen fehlt oder in einer persönlichen Krise nicht mehr ausreicht, könnte die Verunsicherung zu heftigen Selbstzweifeln und Gereiztheit führen. Davon kann das persönliche Umfeld nicht unbehelligt bleiben.

Wir sind nahezu immer Vorbilder für andere, egal wer wir sind: Mutter, beste Freundin, Bruder oder Lehrerin. Ob wir hart und unbarmherzig oder aber gütig und nachsichtig mit uns selbst sind – die anderen sehen es; und werden sich in vielen Fällen ein Beispiel an uns nehmen.

Wer sich also die eigenen Fehler verzeiht und sich dennoch liebt, der erteilt damit anderen gleichsam die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

„Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze. “
Oscar Wilde