Sex im Alter

In unserer neuen Reihe „Vera erzählt“ plaudert die Best Agerin über alles, was sie mit 60plus beschäftigt. Beziehung, Gesundheit oder Sex – bei keinem Thema nimmt sie ein Blatt vor den Mund.

Ich war dreizehn und ich schlich gerade am Schlafzimmer der Eltern vorbei, als am Wochenende für alle im Haus Mittagsschlaf angesagt war. Ein seltsames Stöhnen drang durch die Tür. Und es war mir peinlich, noch bevor ich kapiert hatte, was ich da hörte. Die waren doch schon fast vierzig! Igitt, dachte ich und versuchte, das ganze schnell wieder zu vergessen – was, wie man hier sieht, nicht besonders gut geklappt hat. Ü-30-Sex? Für Teenager unvorstellbar. Aber das Leben hat mich eines Besseren belehrt – jedes Jahrzehnt rückte die Erkenntnis näher, die ich heute habe: Sex kennt keine Altersgrenze. Das uns allen bekannte, gute, alte Ehe-Versprechen könnte gut lauten: Sex, bis dass der Tod uns scheidet…

Jeden Monat plaudert Vera Sandberg aus dem Nähkästchen der Best Ager – und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.

„Meine Mutter hat mehr Sex als ich“

Übertrieben? Eher nicht. Eine Freundin erzählte mir, dass ihre 90jährige Mutter eine Affäre mit einem deutlich jüngeren Mann aus dem Kirchenchor hat, in dem sie gemeinsam singen. Meine Mutter hat mehr Sex als ich, sagte Sonja, nicht besonders amüsiert – sie lebt von ihrem Mann getrennt.

Längst hat sich die Wissenschaft auf das Thema Sex im Alter gestürzt. Logisch. Wir leben länger. Also wollen wir das Leben länger genießen. Und können das auch. 22 Millionen oft sehr fitte Babyboomer leben in unserem Land. Laut Sex-Expertin Andrea Micus ist jeder zweite zwischen 60 und 70 sexuell aktiv, und auch ein Drittel der über 80jährigen lebt Sexualität. Laut Studien haben Silver Ager im Schnitt 78mal im Jahr Sex. Und rund 60 Prozent der Männer und über die Hälfte der Frauen wünschen sich sogar mehr davon. Ein Berliner Forscherteam analysierte Daten von 1500 Erwachsenen. Es zeigte sich: Fast ein Drittel der 60- bis 80jährigen gaben an, sexuell aktiver zu sein als die Vergleichsgruppe der 22- bis 36jährigen. Frisch verliebte 60jährige tun es nachweislich öfter und lustvoller als 35jährige in nicht so glücklichen Beziehungen und stressigen Lebensphasen.

Sex ist Kopfsache

Natürlich ändern sich die Dinge im Bett. Die Autorückbank ist längst zu unbequem geworden. Manche Stellung überfordert Muskeln und Gelenke. Da ist Kreativität gefragt. Wir sind schließlich diejenigen, die die sexuelle Revolution erlebt haben: damals, als Frauen sich das Recht auf Lust geholt haben. Also warum das jetzt aufgeben? James-Bond-Star Judi Dench (85) sagt, sie sehe gar nicht ein, dass sich das Sex-Leben ändern sollte, nur weil man ein gewisses Alter erreicht hat.

Es geht eher nicht um das Ob, sondern um das Wie. Ältere brauchen zum Beispiel länger zum Orgasmus. Gut, dass sie sich die auch nehmen können. Die Kinder sind aus dem Haus, keiner lauscht mehr an der Tür, Jobstress fällt weg, Angst vor Schwangerschaft – kein Thema.

Ein dickes Hindernis allerdings verlegt den Weg ins Vergnügen. Sex ist bekanntlich Kopfsache. Und dort lauert zäh die Vorstellung, dass man beim Sex gut aussehen muss, dass glatte Haut und festes Gewebe Voraussetzungen für Begehren sind. Doch dieser Brocken ist in Wahrheit mit heißer Luft gefüllt. Wenn nur die Schönen und Perfekten Sex hätten, wäre die Menschheit längst ausgestorben. Zum Sex braucht man kein Sixpack und keinen straffen Hintern. Nur den verzauberten Moment, die Freude an sich selbst und am Gegenüber, die innere Freiheit, sich Gutes zu tun – und vielleicht eine Portion Humor, falls mal etwas nicht so läuft. Und so platzt der Ballon, der uns hindern könnte, den Spaß am Sex immer weiter zu genießen.