Silvester: Zu zweit – voll im Trend

In ihrer Kolumne „Vera erzählt“ plaudert die Best Agerin über alles, was sie mit 60plus beschäftigt. Beziehung, Gesundheit oder Sex – bei keinem Thema nimmt sie ein Blatt vor den Mund. Dieses Mal geht es darum, wie sie dieses Jahr Silvester feiert.

Vera Sandberg erzählt über das Leben im Alter. Photo: Caren Pauli

Gleich noch eine stille Nacht

Bei mir wird Silvester 2020 auch eine Stille Nacht: Mein Liebster und ich allein Zuhause, wie schon die letzten sieben Jahre. Ich werde knallrot tragen. Ein Etuikleid, gekauft für eine Firmen-Weihnachtsfeier, die aus den bekannten Gründen ausgefallen ist. Ich freu mich drauf, es anzuziehen und am weißgedeckten Tisch Platz zu nehmen. Lachs oder Hirsch, irgendetwas Leckeres werden wir zusammen zubereiten. Dabei am Sektglas nippen, die Dinge allmählich ein bisschen wie im Weichzeichner wahrnehmen. Um in eine neue Zeit einzutauchen, brauche ich kein Papierhütchen, kein Konfetti, keinen Bühnen-Klamauk und schon gar keinen Massenauflauf am Brandenburger Tor. Mit anderen Worten – für mich wird Silvester wie immer. Festlich, zu zweit. Mit Rückblick. Und mit Zukunftswünschen.

Wir werden dieses verrückte Jahr konsequent-feierlich auskehren und das Neue tapfer-freudig begrüßen. Wenn dann noch mein Lederhosen-Mann seinen neuen Anzug trägt, steht der Feierlichkeit nichts im Weg. Am letzten Tag erzähle ich mir: Das war gut, das war nicht so gut, und das ist richtig dumm gelaufen. Dazu höre ich aufregende Musik (Schubert, Rachmaninow, Beethoven, Mozart). Nur ich und mein Liebster – wir lagen schon im Trend, als es noch gar keine Partyabsagen gab.

„Um in eine neue Zeit einzutauchen, brauche ich kein Papierhütchen, kein Konfetti, keinen Bühnen-Klamauk.“
Vera Sandberg

Verbessern und Revue passieren lassen

Ohne hehre Wünsche kommt uns ja kein neues Jahr über die Schwelle. Letztes Jahr um diese Zeit wollten sich 60 Prozent der über 60jährigen klimafreundlicher verhalten. 56 Prozent wollten körperlich aktiver werden. Und 53 Prozent wollten sich gesünder ernähren. Viele – quer durch die Altersgruppen – wollten auch abnehmen, weniger Alkohol trinken, rauchfrei werden. Das Übliche halt. Das neue Jahr ist ja wie ein unschuldiges Kind. Es ist so neu, so unbeschädigt, noch ganz klein und frisch. Da kann man doch nicht mit den dreckigen Schuhen vom letzten Jahr drauf rumtrampeln, fluchen, faul sein und sonst wie sündigen, eben nicht dieselben Fehler machen, wie all die Jahre zuvor. Jetzt, ab 1.1.2021 soll es gelingen: das Richtige tun! Und gut sein!

Das ist zwar unlogisch, aber ich finde diese Vorsätze sehr schön. Man sieht daran, dass man noch Ideale hat. Allerdings haben die  mit dem Datum weniger zu tun, eher mit Ausdauer, mit Disziplin und nicht zuletzt mit der Realität, an der sich jedes Ideal irgendwann messen lassen muss. All das gehört für mich zu Silvester. Einmal die wichtigeren Dinge auf den Tisch packen – und das Leben Revue passieren lassen. Innere Revue eben, statt Bambule von außen. Wer gut allein sein kann, der war zuletzt sehr im Vorteil.

Für alle, die nun trauern, weil die große Sause ausfällt: Beruhigt euch! Fast 90 Prozent der Deutschen wünschen sich laut einer repräsentativen Umfrage von 2019 ohnehin per Telefon gegenseitig ein Frohes Neues Jahr.

Einen Vorsatz aus dem letzten Jahr kann ich übrigens zufrieden als übererfüllt abhaken: ich wollte, wie 58 Prozent aller in einer DAK-Studie befragten Frauen auch, mehr Zeit mit mir allein verbringen. Hat wunderbar geklappt. Passte perfekt zu 2020.

Und während die Nachbarn vielleicht ein klitzekleines Feuerwerk veranstalten – sonst war es ja eher üppig – hoffen wir, dass das nächste Jahr für uns alle wieder etwas geselliger wird. Wir wollen ja immer gern das, was wir gerade nicht haben können, weil genau das uns eben fehlt. Gut so: unerfüllte Wünsche sind ein Lebensmotor. Deswegen: Prost auf mich, auf mein rotes Kleid. Und auf das nächste Jahr, das höchst wahrscheinlich nicht schlechter wird als das letzte.

Ich will tun, was ich kann. Mein einziger Vorsatz. Der genügt im Moment.

 

In ihrer letzten Kolumne schrieb Vera über ihre verliebte Freundin. Ihr könnt sie hier lesen.