Warum Achtsamkeit im sozialen Miteinander so wichtig ist

„Gemeinsam durch schwere Zeiten“ – so oder so ähnlich könnte ein Slogan lauten, der die aktuelle Situation beschreibt. Doch wie schaffen wir es, achtsam zu unseren Mitmenschen zu sein, während die Welt um uns herum auf dem Kopf steht?

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Unsplash: Image created by Daniel Barreto. Submitted for United Nations Global Call Out To Creatives - help stop the spread of COVID-19.

Die Pandemie als Ausnahmesituation

Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, die niemand zuvor durchlebt hat. Eine Zeit, in der nahezu alles von einem Schleier der Ungewissheit überschattet wird. Und obwohl plötzlich alles anders scheint, müssen alltägliche Prozesse weiterlaufen. Zwar anders als gewohnt, aber dennoch unaufhaltsam. 

Während für manche die aktuelle Situation eine Zeit der Schnelllebigkeit ist, nehmen andere sie als entschleunigend wahr. Die unterschiedliche Betroffenheit und Wahrnehmung der Krise sorgt dafür, dass sich die Lebenssituationen der Menschen noch mehr als zuvor voneinander unterscheiden. Wie sollte es auch anders sein? Gemeinsame Aktivitäten fallen weg, ähnliche Tagesabläufe verschieben sich und die plötzlich eingetretene räumliche Distanz zu seinen Liebsten kommt zu allem Überfluss noch obendrauf. Das sonst so vertraute Miteinander hat plötzlich eine neue Dimension an Schwierigkeiten erreicht. Ein Anruf ersetzt keine Umarmung und ein lieb gemeinter Ratschlag per Textnachricht wirkt nicht so vertraut wie in einem Vieraugengespräch.

Das alles mag zuerst ernüchternd wirken. Doch es bringt auch eine wichtige Chance mit sich. Man hat die Zeit, sich einmal genauer mit dem sozialen Miteinander zu befassen. Denn egal wie weit man voneinander entfernt ist, der Schlüssel zu einem guten Miteinander lautet immer gleich: Achtsamkeit.

Die Kraft der Empathie

Während die eigene Achtsamkeit bei vielen Menschen schon lange im Fokus steht und gezielte Pausen im stressigen Alltag oft Teil einer antrainierten Routine sind, wirkt das Wort im Kontext des sozialen Miteinanders noch immer recht fremd. 

Wie genau soll das gehen, achtsam miteinander zu kommunizieren, während man nicht einmal die Möglichkeit hat, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen?

Die Antwort lässt sich in der Empathie finden. Emphatisch zu sein ist mit Arbeit verbunden. Arbeit, die sich gleich aus mehreren Gründen bezahlt macht. Denn Empathie ermöglicht es, sich in sein Gegenüber einzufühlen. Bevor man also zum Telefonhörer greift, sollte man kurz innehalten und sich fragen, was genau die Corona-Pandemie bei seinem Gesprächspartner ausgelöst haben könnte. Ist ein Familienangehöriger erkrankt? Ist die Person oder ein Verwandter der Person von Kurzarbeit betroffen? Oder kann das neugeborene Enkelkind gerade nicht besucht werden, weil die Ansteckungsgefahr zu groß ist? Diese oder ähnliche Fragen ermöglichen es, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen. Die Probleme und Sorgen des Gegenübers – mögen sie noch so fern erscheinen – werden plötzlich greifbarer. Das Gespräch findet auf einer anderen, viel vertrauteren Ebene statt.

Lernen zu akzeptieren

Achtsamkeit bedeutet neben Empathie auch Akzeptanz. Diese Akzeptanz spielt gerade bezogen auf das unterschiedliche Verhalten in der Krisenzeit eine entscheidende Rolle. Der Mensch neigt schnell dazu, sein eigenes Verhalten als das einzig richtige zu verstehen. Die Gefahr, die hinter diesem Automatismus steckt, ist, dass abweichendes Verhalten schnell als falsch oder unverständlich kategorisiert wird. Dabei gibt es kein richtig oder falsch, wenn es um die Bewältigung einer solchen Krisenzeit geht. Jede Person ist einzigartig, genau wie ihre Handlungen.

Hinzu kommen die unterschiedlichen Lebensbedingungen und Abschnitte, in denen sich jeder befindet. Sie wirken in einer solchen Extremsituation noch wesentlich stärker, als sie es ohnehin schon tun. Was schließen wir also daraus? Wir sollten akzeptieren, dass es nicht den einen besten Weg gibt. Wir sollten achtsam dafür sein, dass manche Menschen gerade mehr Ruhe als andere benötigen, einigen das Aufrechterhalten der sozialen Kontakte aufgrund der Umstände schwerer fällt als anderen und dass die Belastungen sehr unterschiedlich wahrgenommen werden können.

Eine kurz angebundene Nachricht oder ein nicht entgegengenommener Anruf eines Familienmitgliedes ist daher nicht gleichzusetzen mit einer persönlichen Ablehnung. Denn die digitale Kommunikation schafft es nicht, ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht widerzuspiegeln. Verzögert sich eine Antwort oder gerät sie sogar in Vergessenheit, heißt dies nicht, dass die Person bewusst jemanden ignoriert. Es ist daher ganz wichtig, eine klare Unterscheidung zwischen der gewohnten und der digitalen Kommunikation herzustellen. 

Die eigene Achtsamkeit als Fundament

Der letzte und sehr entscheidende Punkt für ein achtsames Miteinander fokussiert sich nicht auf das Gegenüber. Ganz im Gegenteil: Neben all der Empathie und Akzeptanz für unsere Mitmenschen beginnt dieser bei uns selbst – bei jedem Einzelnen von uns. Denn um Achtsamkeit für sein Gegenüber aufbringen zu können, muss stets die eigene gewahrt werden. Daher sollten wir uns mehr als zuvor bewusst machen, wie wichtig es ist, kleine Momente des Rückzuges in den Alltag einzubauen. Es ist wichtig, auf sich und seine Bedürfnisse achtzugeben und gezielt in sich hineinzuhorchen. Dies funktioniert am besten, wenn wir achtsame Auszeiten als festen Bestandteil des Alltags wahrnehmen. Durch diese Routine bekommen wir die Chance, einen beständigen Zugang zu unseren Gefühlen zu bekommen und können Warnsignale des Körpers frühzeitig richtig deuten.

Ein achtsames Miteinander baut also auf zwei wesentlichen Säulen auf: Es ist wichtig, Verständnis, Empathie und Akzeptanz für seine Mitmenschen aufzubringen. Dies funktioniert aber nur, wenn wir unser eigenes Wohlbefinden nicht aus den Augen verlieren. Denn nur wer auch auf sich und seine Bedürfnisse Acht gibt, kann die des anderen sehen und verstehen.