Was wären Märchen ohne Wald?

Er ist für jeden von uns begehbar, aber scheint dennoch unergründlich. Der sagenumwobene Wald spielt in unzähligen Märchen eine wichtige Rolle. Denn ihm wird eine wichtige Bedeutung zugeschrieben, ohne die Märchen nicht existieren würden.

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Schloss im Wald. Illu: Carina Kaiser

Unbekümmert durch den Wald toben, Beeren oder verschiedene Pilzarten erraten und sich vor dem einen oder anderen Schatten gruseln – damit beginnen so manche frühen Kindheitserinnerungen. Mit Geschichten, die im Wald spielen, verbinden wir Mythen oder sogar Jahrhunderte alte Sagen. Kein Wunder, schließlich sind wir vom Wald umgeben. Knapp ein Drittel der deutschen Landesfläche ist bewaldet.

Und inmitten der dichten Bäume, die weit in den Himmel wachsen, zwischen weichem Moos und glitzernden Baumkronen, dort errichteten die Brüder Grimm ihre Märchen von Hexen, Drachen, Prinzen, Prinzessinnen und anderen Waldbewohnern.

Guter Wald, böser Wald

In den meisten Grimmschen Märchensammlungen spielt der Wald eine – wenn nicht sogar DIE essenzielle Rolle. Bei dem schönen Rapunzel etwa, mit dem langen und prächtigen Haar so fein wie Gold gesponnen, das mitten im Wald in einem Turm eingeschlossen lebt, bis der Prinz sie befreit. Bei Hänsel und Gretel, die von ihren Eltern in einen bedrohlichen Wald geführt werden und die bei ihrer Heimsuche auf das Haus der bösen Hexe stoßen. Oder beim Märchen vom Rotkäppchen, das ihrer Großmutter Kuchen und Wein bringen möchte, erfahren wir, wie es dabei vom Weg abkommt und im finsteren Wald dem bösen Wolf begegnet.

Für diese wie für viele weitere Handlungen der Grimmschen Märchen bietet der Wald eine wichtige Kulisse. Was im Wald geschieht, scheint stets von Geheimnissen und Zauberhaftem umgeben. So begegnen Märchenhelden nicht selten sprechenden Tieren, Hexen oder anderen fabelhaften Gestalten. Warum aber ist der Wald ein wirklich unverzichtbarer Teil der Märchen?

Ohne den Wald wären Märchen nicht das, was sie sind. Illustration: Carina Kaiser

Die symbolische Bedeutung des Waldes

Wälder bedeuten Leben. Menschen pflanzen Bäume und setzen damit ein Zeichen der Zukunft. Sie sehen im Wald ein Abbild ihrer Wünsche und Hoffnungen. Gleichzeitig sehen sie darin aber auch ihre Ängste und begegnen Phantasievorstellungen. In Geschichten lesen wir von Wäldern die tief, groß, gefährlich oder finster sind. Mit Adjektiven schreiben die Brüder Grimm dem Wald in ihren Märchen eine Menge Eigenschaften zu, die bei genauerer Betrachtung aber nie weiter erläutert werden. Der Wald ist ohne viele Ausschmückungen einfach präsent. Unsere Fantasie soll den Rest erledigen. Und das tut sie auch. Denn erst die Illusion darüber, was im Wald passiert, macht ihn zu dem verwunschenen und idealen Handlungsort für Märchen, der er ist.

Riesige Flächen unberührter Natur, abenteuerlich und schaurig. Der Wald symbolisiert Lebensraum und Bedrohung zugleich. Je tiefer, desto verwunschener. Als würde man in eine neue oder andere Welt eintreten. Der Reiz des Verbotenen ist zu verlockend. Aber nicht nur aus diesem Grund spielt der Wald eine vordergründige Rolle in Märchen. Er hat noch eine viel wichtigere Funktion inne.

Im Wald erst wachsen die Figuren über sich hinaus

Was zu Beginn unergründbar wirkt, erweist sich überlebenswichtig für die Geschichte. Tief im Wald, in einer scheinbar ausweglosen Situation gefangen, wird der Wald zu einem Ort, in dem sich die Märchenfiguren bewähren müssen. Hier entsteht der spannende Dramaturgiebogen in der Geschichte. In den Fängen der bösen Hexe wächst Gretel über sich selber hinaus und rettet ihren Bruder, indem sie die Hexe tötet. Die Saat eines Haselstrauches auf dem Grab der geliebten Mutter, der zu einem schönen Baum heranwächst, bietet Aschenputtel Zuflucht und versorgt sie mit kostbaren Kleidern. Nur so kann sie beim Ball den Prinzen für sich gewinnen. Der Jäger rettet das Rotkäppchen und seine Großmutter vorm bösen Wolf. Daraufhin schwört sich Rotkäppchen, nie wieder allein vom Wege abzukommen.

Ein Sprichwort besagt, dass wir uns der Natur zuwenden, wenn wir nach uns selbst suchen. Daher verlieren sich die Figuren nicht im Wald, sondern überwinden ihre Ängste und werden dafür belohnt. Sie wachsen über sich hinaus. Der Wald gewinnt damit an symbolischer und sinnstiftender Bedeutung. Ohne ihn wären Märchen nicht das, was sie sind. Denn sie zeigen, dass im Leben auch unter schwierigsten Bedingungen alles gut werden kann.