Diversitätssensibele Pflege

Späte Coming-outs, Heimlichtuerei auf der Arbeit, schräge Blicke: Für viele queere Senioren war das früher Alltag. Kein Wunder, dass manche im Alter nicht auf ihre mühsam erkämpften Freiheiten verzichten wollen – und sich eine diversitätssensible Pflege wünschen. Unsere Autorin Kati Borngräber berichtet über das späte Coming-out von Hans (heute 78 Jahre), der sich eine diversitätssensible Pflege wünscht.

Coming-out mit 42 Jahren

Hans aus Hamburg führte zunächst ein bürgerliches Leben auf dem Land, arbeitete als Beamter, war verheiratet und hatte zwei Kinder. Mit 42 Jahren passierte es dann: „Ein Mann verführte mich in der Sauna“, erzählt er. Kurz darauf fand seine Frau ein Briefchen des Liebhabers – und setzte ihn vor die Tür. Nach diesem nicht ganz freiwilligen Coming- out ging Hans in die Hansestadt. Mittlerweile ist Hans 78 Jahre alt und hat Pflegegrad 1. So benötigt er zum Rausgehen einen Rollator, kann aber mit der Unterstützung seiner Kinder, Enkel und seines Partners noch selbstständig in seiner Hamburger Zweizimmerwohnung leben. Sollte er mal in ein Heim ziehen müssen, würde er nicht unbedingt nach einer ausgewiesenen Einrichtung für Schwule suchen – schließlich müsse es heutzutage auch möglich sein, in einem gemischten Pflegeheim offen schwul zu leben.

Angst vor Diskriminierung und Ausgrenzung im Pflegeheim

So optimistisch wie Hans sehen das nicht alle Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle (LSBTI). Viele, die jetzt in die Pflegeheime kämen, hätten in ihrer Biografie sehr oft Diskriminierung, Ausgrenzung und Kriminalisierung erlebt, sagt Pflegeheimleiter Ralf Schäfer dem Rundfunk Berlin-Brandenburg. Jetzt, da sie auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen seien, hätten sie die Befürchtung, wieder in genau solche Situationen hineinzugeraten.

LSBTI-Menschen sind willkommen

Mit dem Immanuel-Seniorenzentrum Schöneberg in Berlin hat Schäfer sich verpflichtet, LSBTI-Menschen beim Coming- out und bei Transitionsprozessen zu unterstützen. Für alle sichtbar sind die Toiletten der Einrichtung geschlechtsneutral ausgeschildert und Piktogramme zeigen Männer, Frauen sowie einen mit Sternchen gekennzeichneten Menschen. Regenbogen schmücken die Fenster, um auszudrücken, dass LSBTI-Menschen an diesem Ort willkommen sind.