Pflegende Angehörige: Herausforderungen im Alltag

Marie-Luise Müller, Ehrenpräsidentin des Deutschen Pflegerats, blickt auf 55 Jahre Berufserfahrung in der Pflege zurück. Seit Februar 2019 ist sie selbst pflegende Angehörige und kann den Balance-Akt in der häuslichen Pflege aus verschiedenen Perspektiven betrachten. In einem exklusiven Interview für unsere aktuelle LEBENLANG-Ausgabe erzählt sie erstmals über ihre Herausforderungen: Was es bedeutet, den eigenen Mann zu pflegen und warum echte Beziehungsarbeit ebenso wichtig ist wie Ruhe, Erholung und guter Schlaf.

  • Text: Claudia Poguntke

Wie sieht der Pflegealltag bei Ihnen zu Hause aus?

Ich helfe meinem Mann beim Aufstehen und führe dann die komplette Körperhygiene durch. Vom Zähneputzen und Rasieren bis zum Toilettengang und Ankleiden. Dabei achte ich auf die Selbstbestimmtheit und Wertschätzung, denn Wohlfühlen ist das, was unsere Lebensqualität auch im Gesunden unterstützt. Für meinen Mann ist das Gefühl wichtig: „Die nimmt mich ernst. Sie macht das jetzt nicht wie der ambulante Pflegedienst, der nach Plan und Zeit arbeiten muss.“

Leiden Sie selbst unter der gestörten Nachtruhe?

Für mich war und ist der Schlaf die Energiequelle hoch drei. Als ich beruflich noch aktiver war, genügten mir manchmal sogar vier Stunden, weil ich einfach sehr tief geschlafen habe. Heute brauche ich acht Stunden, um mich rundum fit zu fühlen. Schlaf ist die wichtigste Kraftquelle, die es überhaupt gibt.

Was belastet Sie am meisten als pflegende Angehörige?

Ich merke, dass ich manchmal in regelrechte Rollenkonflikte komme. In Bezug auf meinen Mann bin ich die Ehefrau und dann bin ich gewissermaßen der Profi als Krankenschwester. Aber ich bin noch viel mehr, weil ich ehrenamtlich an ganz vielen Stellen noch aktiv tätig bin und sein möchte! Und wenn ich mir überlege, woher ich meine Energie und meine Ausgeglichenheit hole, dann kann ich dies nicht von meinem kranken Mann erwarten, sondern von dem, was mich trägt und bisher getragen hat in meinem Leben.

Wie sorgen Sie für Entlastung?

Meine Familie hat mich gut beraten. Zwischenzeitlich schaffe ich es, mit festen Wochenstrukturen die erforderlichen Termine für meinen Mann, Erledigungen und meine eigenen Freiräume gut zu organisieren. Ich habe mir für freitags eine Hilfe organisiert, weil ich einmal wöchentlich einer sportlichen Aktivität nachgehe und anschließend mit meinen Enkelkindern zusammen bin. Das ist zwar körperlich auch eine Herausforderung, tut mir aber gut und erfüllt mich seelisch total.