Sexualität in der Pflege – Umgang mit sexuellen Bedürfnissen

Auch Sexualität und Scham gehören im Pflegeberuf zum Alltag. Das Mutter-Rosa-Altenzentrum in Trier hat zum Thema Sexualität ein Passus im Ethik-Kodex stehen. Darin heißt es, dass die sexuellen Bedürfnisse der Bewohner als selbstverständliche Grundbedürfnisse akzeptiert werden. Doch was heißt das genau? Ein Interview mit Pflegedienstleiterin Birgit Hansen.

  • Interview: Heike Wehrbein

Frau Hansen, wie sieht das Unterstützen der Bewohner beim Leben ihrer Sexualität konkret aus?

Es gibt Bewohner, die sich schwer verletzt haben, weil sie Zahnbürsten, Lockenwickler und Katheterschläuche zur Selbstbefriedigung benutzt hatten. Um das zu vermeiden, versuchen wir, ihren Bedürfnissen Raum zu geben. Wenn Mitarbeiter Verhaltensweisen mit Verletzungspotenzial bemerken, informieren sie mich. Wir besprechen das, beziehen die Angehörigen ein und beraten, empfehlen zum Beispiel geeignete Hilfsmittel wie Vibratoren oder eine künstliche Vagina. Wir schauen individuell nach Lösungen.

In stationären Einrichtungen ist es für Bewohner schwierig, für sich zu sein. Ständig kommt jemand herein. Wie ermöglichen Sie Privatsphäre für das Ausleben von Sexualität?

Wenn unsere Mitarbeiter in eine intime Situation hineinplatzen, sagen sie: „Entschuldigung, lassen Sie sich nicht stören. Ich komme später noch einmal.“ So wird klar signalisiert, dass es sich um eine selbstverständliche Situation handelt und nicht um ein schambehaftetes Problem. Oder wir vereinbaren störungsfreie Zeiten.

Wie gehen Sie mit Schamgefühlen bei den Pflegekräften um? Wie ist das etwa für junge Schülerinnen, wenn sie beim Waschen eines Mannes die Vorhaut zurückziehen müssen?

Man sollte bedenken, dass dabei Berührungen passieren, die nicht beherrschbare Reaktionen hervorrufen können, vor allem bei Demenzkranken. Die Not ist groß, für die Pflegekräfte und für die Bewohner. Berufsanfänger werden behutsam herangeführt. Unsere Mitarbeiter wissen, dass sie mit allem zu mir kommen können. Das funktioniert auch.

Ihr Haus gehört zu einer christlichen Unternehmensgruppe. Einen offenen Umgang mit Sexualität würde man zunächst nicht vermuten. Was meinen Sie dazu?

Ich kann keinen Unterschied zwischen verschiedenen menschlichen Bedürfnissen machen und sagen: religiöse Bedürfnisse sind die guten, sexuelle sind die schlechten. Unser kirchlicher Träger hat ein Konzept „Sexualität im Alter“ erarbeitet. Wer offen ist für eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen, muss auch offen sein für solche Konzepte. Und nicht nur hinter vorgehaltener Hand.

Das vollständige Interview lesen Sie in der digitalen Ausgabe von LEBENLANG.

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz erschienen. Zur Ausgabe.