Der Räuber der Erinnerung – Umgang mit Demenz

Demenz ist ein Räuber, der sich von hinten anschleicht. Er stiehlt den Erkrankten die Erinnerung und den Angehörigen die Zeit mit den Liebsten. Wie gehen Angehörige mit der Krankheit um und wie bestimmt sie den Alltag der Familien? Kann man seine Liebsten guten Gewissens in ein Heim geben? Barbara Nietsches Schwiegereltern erkrankten beide an Demenz. In diesem Artikel erzählt sie davon.

Plötzlich ein Pflegefall

Barbara Nietsches (Name von der Redaktion geändert) Schwiegervater wurde von einem Tag auf den anderen zum Pflegefall. Es war, also ob die Demenz nach einem Sturz im Galopp das Kommando übernommen hätte. Das Verrückte: Drei Jahre lang hatte er selbst seine demenzkranke Frau gepflegt, alles schien in Ordnung. Auf dem Weg zum Bahnhof fiel er in der Bahn um, brach sich den Oberschenkel, wusste auf einmal nicht mehr seinen Namen, wo er herkam, was er hatte machen wollen. Seitdem ging es rapide bergab.

Heim oder nicht? Eine schwierige Entscheidung

Es sei ihr nicht leicht gefallen, die Schwiegereltern voneinander zu trennen, erklärt die 54-Jährige. Die beiden nach Hause zu holen und alleine zu pflegen – das wäre mit zwei Vollzeitjobs einfach nicht möglich gewesen. Das Elternhaus umzubauen und altersgerecht zu machen, hätte eine Rieseninvestition, vor allem auch einen Riesenstress bedeutet. Deswegen diese Lösung: für die Schwiegermutter eine Rund-um-die- Uhr-Versorgung durch einen Pfleger und für den Schwiegervater einen Platz im Clarenbachwerk Köln.

Vor wenigen Wochen ist Barbara Nietsches Schwiegervater dort friedlich eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. War sie traurig? War sie erleichtert? Eine Mischung aus beidem. Auch ihr Mann fühlt so. Die Schwiegermutter? „Sie war bestürzt, aber sie vergisst es auch wieder.“ Barbara Nietsche ist froh, dass sie den Pfleger so gut akzeptiert. Das letzte halbe Jahr sei sehr anstrengend gewesen, der rasante Verlauf der Krankheit habe sie ziemlich mitgenommen. „Ich glaube, er hatte einfach keine Lust und keine Kraft mehr“, sagt sie und blickt auf das Bild ihres Schwiegervaters, den sie so gern hatte. Sie sagt auch: „Ich denke, es war gut so. Es war für ihn ein guter Tod.“

Dieser Artikel ist erstmals in der LEBENLANG-Ausgabe No. 7 erschienen und hat es ins Best-of der Jubiläumsausgabe 2020 geschafft. Hier geht’s zur goldenen LEBENLANG-Ausgabe.